Donnerstag, 7. Oktober 2010

Du bist Islam?

Mit großer Spannung wurde die Rede unseres Bundespräsidenten anlässlich des 20. Jahrestages der deutschen Wiedervereinigung erwartet. Die klassische 100 Tage Schonfrist für Wulff war abgelaufen, die politische Gesellschaft unseres Landes erwartete viel. Würde Wulff sich zu den Gewaltausbrüchen der Polizei in Stuttgart äußern? Würde der 'Geist der Einheit' erneut wieder beschworen vor dem Hintergrund einer gespaltenen Gesellschaft (wer will abstreiten, dass S21 nicht mittlerweile Menschen in der ganzen Republik spaltet?)
Vorhersehbar war natürlich die Rekapitulation der Ereignisse der Jahre 1989-90, vorhersehbar war auch die Würdigung jener Kräfte, die sich um die Wende verdient gemacht haben - Bürgerrechtler, Kirchen, usw. Nicht vorhersehbar war allerdings, dass Wulff das Thema Islam in seiner Rede anschneiden würde - vorhersehbar wiederum war allerdings, dass diese Tatsache nicht ohne Folgen bleiben würde.

Ich gestehe, ich habe mich am deutschen Nationalfeiertag mehr mit der NFL beschäftigt. Ich glaube, der 3. Oktober spielt für uns Deutsche nicht im Ansatz die Rolle, wie der 4. Juli in den USA oder der 14. Juli in Frankreich. Wir tun uns schwer mit unserer nationalen Identität (außer es ist WM oder EM - dann haben wir irgendwie eine nicht näher definierte Fußball-Identität) und der Tag der Wiedervereinigung eint die Deutschen nicht ansatzweise so sehr, wie es sich Teile der Politik gerne wünschen. Ein Stuttgarter, ein Hamburger oder ein Kieler mag durch die Wende bei weitem nicht so sehr tangiert worden sein, wie ein Dresdner und für nicht wenige 'Wessis' ist die Wende eher ein finanzielles Ärgernis als eine Sternstunde der deutschen Geschichte.
Auch wenn ich der Einheit nach wie vor positiv gegenüberstehe, sehe auch ich den 3. Oktober nicht unbedingt als den Tag, den wir als Nationalfeiertag feiern sollten. Da gibt es Tage, die in der deutschen Geschichte prägender waren und eigentlich plädiere ich für den 9. November als Nationalfeiertag, denn dieser Tag ist in der Tat ein Schicksalstag in der deutschen Geschichte - und eine solche Dramatik, solche Schicksalstage, das ist es doch, was wir Deutschen irgendwie lieben, oder?
Der 9. November - der Tag, der das Ende der Monarchie in Deutschland bedeutete und eine erste demokratische Repiublik auf deutschem Boden zur Folge hatte. Der Tag des Hitler-Ludendorff Putsches und der Tag der 'Reichskristallnacht'. Gleichzeitig der Tag des Mauerfalls, der Tag vom Ende von Schreckensdiktaturen in Deutschland.
Aber gut, das ist eine subjektive Meinung und vermutlich würde ein 9. November ähnlich wenig kollektive Begeisterungsstürme in Deutschland verursachen, wie der 3. Oktober.
Worauf ich hinauswollte - am 3. Oktober habe ich nicht die Rede unseres Bundespräsidenten verfolgt, was ich allerdings jetzt nachgeholt habe, immerhin hat die Rede ja für Proteste gesorgt.

Wulff hält in seiner Rede fest, dass der Islam zu Deutschland gehört. Nun, die Aufregung um diesen Satz an sich kann ich jetzt nicht so wirklich teilen - diese Feststellung ist in etwa derart 'schockierend', wie die Tatsache, dass Temperaturen über 30° zum Sommer in Deutschland gehören (wenn auch die Deutsche Bahn das nicht so ganz mitbekommen zu haben scheint). Wir haben ca. 4 Millionen Moslems in Deutschland - zu behaupten, der Islam sei kein Teil Deutschlands, wäre mehr als nur etwas realitätsfremd. Wieso also nun die Aufregung?

Ich glaube, die Aufregung ist der Tatsache geschuldet, dass der Islam immer mehr in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerät und viele Deutsche die Debatte um den Islam einfach satt haben. Wir leben mittlerweile in Zuständen, in denen fast jede Form der Meinungsäußerung oder Religionskritik 'kritisch' in seiner Position zum Islam debattiert werden muss. Will ein Schulministerium den Sportunterricht ausbauen, gibt es eine Debatte darum, ob nun muslimische Mädchen im Unterricht mitmachen müssen/sollen. Wird eine Mosche gebaut, dann haben Deutsche gefälligst tolerant zu sein, wenn die Bauherren gerne eine Muezzin haben wollen. Schreibt ein verquerer Bundesbänker ein inhaltlich absolut bedeutungsloses Buch, wird daraus eine Generaldebatte um die Fragen von Integration und Toleranz.

Kurzum: Die Leute haben es satt. Ich schließe mich da nicht mehr aus. Mittlerweile muss jeder Blödsinn vor der Frage diskutiert werden: "Was bedeutet dies für den Islam in Deutschland?" Es wundert mich, ohne Ironie jetzt, dass in der Debatte um Stuttgart 21 nicht noch irgendein windiger Imam in die Debatte geplatzt ist und im neuen Hauptbahnhof eine Beleidigung des Propheten gesehen hat.

Die Intention Wulffs war klar: Der Fall Sarrazin, Leute wie Wilders - es ist offensichtlich, dass es in Europa eine kulturelle Grenzziehung zwischen Islam und 'uns' gibt und sehr viele Ängste und Vorurteile. Da nimmt sich der Bundespräsident am Tag der Einheit natürlich dieses Themas an - Tag der Einheit als Appell zur Einheit. Allerdings halte ich dieses Handeln für absolut undurchdacht und auch schlichtweg unnötig.
Sind wir mal ehrlich - wir haben es doch langsam einfach satt: Islam hier, Islam dort, Islam gestern, Islam heute, Islam und die Frau, Islam und der Zentralrat der Juden, Islam in den Schulen, Islam, Islam, Islam. Es stimmt zwar, dass der Islam ein Teil der deutschen Gesellschaft ist - aber das ist eben der Punkt: Er ist ein Teil und nicht der Mittelpunkt und vielen Leuten stößt es einfach auf, dass der Islam immer mehr zum Mittelpunkt gesellschaftlicher Debatten gemacht wird. Ich nehme mich da nicht aus - der Islam ist zwar ein Thema, das besprochen werden muss, aber es kann nicht sein, dass er mittlerweile ständig im Fokus der Aufmerksamkeit steht.

Eine Sache, die ein Teil der Gesellschaft ist, darf meiner Meinung nach nicht der Leitsatz einer Gesellschaft werden. Muslime haben ihr Recht auf Meinungsfreiheit, demokratische Partizipation und Aufmerksamkeit. Allerdings muss alles seine Grenzen haben. Wenn Moslems ihr Recht auf islamischen Religionsunterricht einfordern, so kann und muss das diskutiert werden. Aber in einer demokratischen Gesellschaft gibt es keinen Anspruch auf Sonderrechte, für keine Gruppe. Wenn also eine Zeitung eine Karikatur abdruckt, die eventuell die religiösen Gefühle Einzelner verletzen könnte, dann ist das eben Pech für die Einzelnen. Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, die sehr utilitaristisch geprägt ist, will heißen: Die Interessen der Mehrheit überwiegen den Interessen einer Minderheit, solange deren Grundrechte oder persönliche Unversehrheit dadurch nicht angegriffen werden, sprich: Religiöse Gefühle werden toleriert, aber sie müssen im Zweifelsfall dem höheren Gut, der Meinungsfreiheit der Mehrheit, untergeordnet werden.

Es ist der Politik bisher nicht gelungen, einen klaren Kurs zu definieren. Wir haben noch nicht gelernt, den Islam als Teil unserer Gesellschaft zu akzeptieren, ihn aber auch dementsprechend zu behandeln: Mit klaren Regeln, Forderungen und ggf. auch Konsequenzen. Wenn Moslems ein Problem damit haben, dass eine Zeitung eine Karikatur ihres Propheten abdruckt, dann ist es das Problem der Einzelperson - es kann aber nicht zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem gemacht werden, dass Einzelpersonen sich verletzt fühlen. So sind die Regeln hier - passt es einem nicht, kann er gerne gehen.
Wulff hat einen Fehler gemacht - er hat das Thema Islam wieder einmal in den gesellschaftlichen Fokus gerückt, als es eigentlich absolut unnötig war. Ich sage es frei heraus: Ich will gerne auch mal eine Rede hören, die nicht danach fragt, welche Rolle der Islam bei uns spielt - wir diskutieren schließlich auch nicht 4x die Woche, welche Rolle und welchen Platz der Buddhismus oder der Hinduismus bei uns einnimmt. Ja, nichtmal das Judentum besitzt bei uns eine derartige Sonderrolle, trotz der Deutsch-Jüdischen Vergangenheit.

Wir müssen nicht mehr diskutieren, ob der Islam Teil der deutschen Gesellschaft ist, denn das ist er. Das ist ein Fakt, an dem wir nicht vorbeikommen.
Wir müssen eher diskutieren, dass wir über den Islam nicht so viel diskutieren sollten. Wir brauchen klare Regeln und die müssen endlich konsequent durchgesetzt werden: Muslimische Mädchen machen beim Schwimmunterricht mit - und wenn den Eltern das nicht passt, sind sie hier falsch. Das hat nichts mit der Verletzung religiöser Gefühle oder gar Intoleranz zu tun, sondern mit einem ganz anderen Grundsatz einer demokratischen Gesellschaft: Gleiches Recht für alle.
Ich hätte früher auch lieber auf den Schwimmunterricht verzichtet, aber es waren keine Sonderrechte für Leute wie mich vorgesehen. Da wurde dann kein Faß aufgemacht, dass meine Persönlichkeitsrechte verletzt würden - geschweige denn hätte ein Bundespräsident gesagt: "Leute, die nicht gerne schwimmen, sind ein Teil unserer Gesellschaft!"

Den Islam als Teil der Gesellschaft zu akzeptieren, bedeutet meiner Meinung nach, seine Sonderstellung endlich abzuschaffen.

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