Zu meinem Erstaunen ist die aktuelle Berichterstattung zum Konflikt in Korea in unseren Medien nicht so präsent, wie ich es erwartet hätte. Zugegeben, die Finanzkrise in Irland und die damit verbundenen Gefahren für den Euro(raum) sind unumstritten und wer kann schon abschätzen, ob uns diese Krise nicht in die nächste europaweite oder globale Währungskrise schlittern lässt, immerhin sprechen Experten von einer nicht niedrigen Gefahr für unsere Gemeinschaftswährung. Dazu noch die vermeintliche (oder reelle?) Terrorgefahr, der ich allerdings nicht den gleichen Gefährdungsgrad zuschreibe, wie der Geschichte in Korea.
Kleine Beobachtung meinerseits am Rande: Die Terrorgefahr wurde herbeigeredet, kurz darauf gibt es angebliche Hinweise, dass der Reichstag Terrorziel werden könnte. Daraufhin wird die Kupel des Reichstages gesperrt und die Polizeikontrollen um den Reichstag massiv verstärkt und ein paar Tage später wird im Reichstag der Haushalt 2011 der Regierung verabschiedet, gegen den Widerstand von Demonstranten, die aber (dank der großen Polizeipräsenz) nicht zum Reichstag vordringen können. Terrorangst mal wieder als Mittel der Politik?
Aber zurück zum Thema Korea.
Es ist noch gar nicht so lange her, als ich hier über das Thema Korea, speziell Nordkorea, geschrieben habe. Ich hätte nicht gedacht, dass dieses Steckenpferd-Thema von mir auf einmal eine derartige Brisanz erhalten würde.
Was ist jetzt eigentlich passiert?
Vor wenigen Tagen haben die Südkoreaner an der Seegrenze zu Nordkorea, die nicht klar definiert und von beiden Seiten nicht übereinstimmend anerkannt wird, ein Seemanöver durchgeführt. Das ist an sich nichts ungewöhnliches, Nord- und Südkorea machen derartiges öfter, man will halt seine militärische Stärke zeigen.
Ungewöhnlich war allerdings, dass im Zuge dieses Manövers nordkoreanische Artilleriestellungen das Feuer eröffnet und eine südkoreanische Insel mit dutzenden von Granaten beschossen haben. Das Feuer wurde von südkoreanischen Stellungen erwiedert und am Ende dieses Feuergefechts hatte die südkoreanische Seite tote und verwundete Soldaten, aber auch zwei tote, eine Vielzahl an verletzten Zivilisten und große Gebäudeschaden (darunter auch zivile Gebäude) zu beklagen. Über Verluste auf nordkoreanischer Seite wurde (natürlich) nichts bekannt.
Im Anschluss an dieses Gefecht sprach die nordkoreanische Propaganda von Provokationen seitens des Südens, die entsprechend beantwortet worden wären und man drohte, jede weitere Verletzung der nordkoreanischen Grenze hätte massive Gegenangriffe zur Folge. Der Süden seinerseits stellte sich als Opfer dar und kündigte ebenfalls massive Vergeltungsschläge an, würde Nordkorea erneut Südkorea angreifen. Von direkten Vergeltungsmaßnahmen wurde aber (vorerst) abgesehen.
Nun ist es nicht untypisch, dass Nordkorea gerne mit den Säbeln rasselt und im Staatsfernsehen martialische Drohungen verkündet. In diesem Jahr jedoch erreicht die Bedrohungspolitik Nordkoreas eine beunruhigende neue Qualität: Zuerst wurde dieses Jahr ein südkoreanisches Kriegsschiff (vermutlich) von nordkoreanischen Truppen versenkt und nun dieser Vorfall und die ganze Welt fragt sich, was will Nordkorea?
Wir wissen leider nicht, was Nordkorea bezwecken will, bzw. was dort überhaupt in den Kommandostäben passiert ist. Die Erklärungen und Vermutungen waren weitreichend: Wollte Kim Jong Ils Sohn Kim Jong Un außenpolitische Härte und Entschlossenheit zeigen, um so den Rückhalt seiner Militärs zu garantieren (immerhin: Un steht im Verdacht, den Angriff gegen das südkoreanische Kriegsschiff angeordnet zu haben)? Möchte Nordkorea mit dieser Politik Südkorea und die USA zurück an den Verhandlungstisch über das Atomprogramm zwingen (immerhin: Nordkorea könnte im Zuge solcher Verhandlungen massive humanitäre Hilfsgüter gewinnen, die sie dringend brauchen - Nordkorea steht erneut vor einer Hungersnot)? Hat Kim Jong Il einfach den Verstand verloren (im Zuge seiner immer schlechter werdenden Gesundheit)? Gab es einen Putsch oder einen Putschversuch innerhalb Nordkoreas? Oder hat einfach ein nordkoreanischer Offizier überstürzt gehandelt, ohne Weisung 'von oben' (immerhin: Gerüchten nach sollen Il und Un zum Zeitpunkt der Angriffe sich in der Militärbasis aufgehalten haben, von denen die Angriffe stattfanden, was dieser These entgegenstehen würde)?
Wir werden es, wie so oft, wenn es um Nordkorea geht, vermutlich nicht so schnell herausfinden.
Normalerweise lasse ich mich von geopolitischen Konflikten nicht beunruhigen, da ich oft nur Panikmache dahinter vermute. Anders ist es aber mit dieser Sache, denn ich mache mir aus mehreren Gründen Gedanken:
1. China hat komplett überrascht reagiert - die chinesische Führung hatte anscheinend nicht einmal einen Verdacht, dass etwas derartiges passieren konnte. China ist i.d.R. über alle Aktivitäten Nordkoreas bestens informiert und auch wenn ich es nicht beweisen kann, bin ich mir ganz sicher, dass Nordkorea oftmals intern von China eingebremst wurde. Diesmal allerdings schien Nordkorea wirklich komplett auf eigene Faust gehandelt zu haben, China wurde komplett überrumpelt.
2. Eine aggressive Politik Nordkoreas ist nicht ungewöhnlich, auch Gewaltakte kamen immer wieder in der Geschichte der Trennung vor. Allerdings hat sich Nordkorea in den letzten Jahren stets auf verbale Aggression beschränkt und übliche Propaganda geschürt. Kriegerische Akte wie dieses Jahr (und anders sind diese nicht einzuordnen) waren allerdings bisher kein Mittel Nordkoreas, Südkorea und die USA zu Verhandlungen zu zwingen.
3. Es gibt zivile Opfer zu beklagen - militärische Opfer sind immer bedauernswert, allerdings haben diese noch immer einen anderen Stellenwert als zivile. Nun aber ist die südkoreanische Zivilbevölkerung ins Visier geraten. Südkoreas politische Führung wird nicht mehr sehr lange in der Lage sein, weiter eine 'wir gehen nicht darauf ein'-Politik zu fahren. Die südkoreanische Bevölkerung erwartet (zu Recht) Schutz von ihrer Regierung - vergessen wir nicht: Seoul liegt in der Reichweite der nordkoreanischen Artillerie. Käme es wirklich zu einer großen militärischen Auseinandersetzung, wird Südkorea seine Bevölkerung schützen müssen.
4. Die jetzt geplanten Manöver Südkoreas und der USA an der Seegrenze: Unsere Medien sprechen oft von einer aggressiven Politik Nordkoreas. Allerdings frage ich mich, welches Signal nun ein großangelegtes Manöver der zwei Hauptgegner Nordkoreas sendet, ein Zeichen des Friedens ist es mit Sicherheit nicht.
Gut, man mag einwerfen, dass kein Land sich von der aggressiven Politik eines Nachbarstaates in der Ausübung seiner Rechte einschränken lassen darf und es ist auch nur verständlich, dass Südkorea (und die USA) eine klare Linie ziehen und ein deutliches Signal senden wollen. Nur möchte ich folgendes dabei zu bedenken geben: Die Manöver finden an einer umstrittenen Grenze zweier zutiefst verfeindeter Staaten statt. Beide Seiten sind aufs extremste angespannt, beide Seiten führen ihrerseits (Nordkorea derzeit allen Hinweisen nach auch) Manöver durch, bei denen scharfe Munition eingesetzt wird. Wenn auf einer der beiden Seiten auch nur ein einziger befehlshabener Offizier einer Artillerie-, Flugabwehr- oder was weiß ich Stellung irgendeinen Knall, irgendeine Leuchtgranate oder irgendeinen Tieffliger falsch interpretiert und losballert, ehe er Fragen stellt, dann haben wir Krieg. Und dieser Krieg würde übel werden.
Nordkorea kann zwar sein Volk nicht ernähren, hat aber eine der größten Armeen der Welt. Nun, mit Sicherheit wäre es ein leichtes für die US-Luftwaffe, in Kürze einen Vormarsch nordkoreanischer Truppen zu stoppen, das Heer ist zwar riesig, aber technisch unterentwickelt. Aber genau das ist es, was mir Sorgen macht, denn über allem schwebt die Frage: Haben die Nordkoreaner die Atombombe oder nicht? Und wenn sie die haben, womit haben wir es zu tun? Interkontinentalrakten, die die USA bedrohen, taktische Nuklearwaffen, die gegen Bodentruppen eingesetzt werden?
Das Szenario, käme es zum Krieg, ist eigentlich leicht zu skizzieren: Nordkorea würde zwar massiv mit Boden- und Luftstreitkräften gegen Ziele in Südkorea vorgehen (primär sicherlich Seoul), allerdings hätte Nordkorea den folgenden Luftschlägen seitens der USA mit Tomahawks, F-117 und B2 nichts entgegenzusetzen. Der Vormarsch würde innerhalb weniger Tage gestoppt und das Regime in Nordkorea stünde vor einer Entscheidung: Kapitulation oder aber der verzweifelte Griff zum letzten Strohhalm, der Atombombe?
Nennt mich ruhig einen Pessimisten, aber ich halte Kim Jong Il und Konsorten nicht für nüchtern genug, als dass sie einem Kapitulationsfrieden zustimmen würden.
Würde Nordkorea die nukleare Option ziehen und es käme durch diese Waffen zu Verlusten an US-Soldaten, würden die USA nuklear antworten, das ist keine Frage. Zwar glaube ich nicht an Atombomben auf Pjöngjang, aber taktische Nuklearwaffen (nukleare Gefechtsfeldwaffen) sind eine reelle Option. Hier kommt aber China ins Spiel - welche Großmacht sieht es gerne, wenn in ihrem Vorgarten mit Nuklearwaffen gespielt wird?
Sicherlich mag alles auch ganz anders kommen. Vielleicht geht alles diesmal gut und es kommt zu keinem Krieg in Korea, aber: Dieser Krieg ist (in meinen Augen) nur eine Frage der Zeit. Südkorea fährt seit Jahrzehnten eine Appeasement-Politik, aber irgendwann werden sie dies nicht mehr tun können - zivile Opfer sind für keinen souveränen Staat zu tolerieren.
Für mich steht ganz klar fest, welcher Staat gerade die entscheidende Rolle spielt: China.
Es liegt an China, Nordkorea wieder unter Kontrolle zu bekommen, wie auch immer. Sei es mit humanitärer Hilfe, politischem Druck oder welchen Mitteln China sich auch immer bedienen mag. China muss sich darüber im klaren sein, dass Korea kurz vor einem Krieg steht. Südkorea (und damit verbunden die USA) werden keinen einzigen ziviten Toten durch nordkoreanisches Feuer mehr tolerieren und käme dieses Opfer nur durch unglückliche Umstände zusammen. Südkorea hat über Jahrzehnte viel eingesteckt und nicht reagiert - aber in den letzten Tagen wächst die Zustimmung zu den sog. Revanchisten enorm. Die EU, Russland und auch die USA müssen China unter Druck setzen, wieder Ruhe in den Laden Nordkorea zu bekommen. Eine militärische Auseinandersetzung in Korea würde sehr hässlich werden, könnte den Konflikt zwischen den USA und Chian extremst anheizen (mit schwer vorhersehbaren Folgen) und würde auch für uns hier in Europa, sind wir noch so weit weg, gefährlich werden.
Ich will keine Angst oder Panik schüren. Aber die Entwicklungen in Korea gefallen mir wirklich überhaupt nicht. Wir können wirklich nur hoffen, dass beide Seiten ihre Manöver nicht gegenseitig falsch interpretieren und beide Seiten einen kühlen Kopf bewahren. Was auch immer gerade in Nordkorea vorgehen mag - hoffen wir, dass China da wieder etwas Ordnung reinbringt.
Ich halte es für am wahrscheinlichsten, dass der Machtwechsel in Nordkorea näher bevorsteht als vielleicht erwartet, und dass Kim Jong Un sich als entschlossener Landesführer präsentiert. Vielleicht wurde auch gerade deshalb China nicht informiert.
AntwortenLöschenDabei wird natürlich mit extrem hohem Einsatz gespielt. Südkorea wird, wie du richtig schreibst, nicht mehr viele Provokationen dieser Art über sich ergehen lassen; und wer würde das tun, wenn er die USA in seinem Rücken hat.
Man kann nur hoffen, dass es sich tatsächlich "nur" um ein Muskelspiel handelt und die nordkoreanische Regierung früh genug von ihrem Crashkurs absehen. Andernfalls wird es einigen Krach geben.