Mittwoch, 17. November 2010

Eins, zwei - Terror kommt vorbei

Vor ein paar Wochen habe ich ziemlich viel zum Volksglauben in Deutschland im Mittelalter und der frühen Neuzeit gelesen. Volksglauben ist eine sehr interessante Sache - er war der Versuch der Menschen, die eigene Umwelt zu begreifen und Phänomene zu erklären, für die man sonst keine Erklärung fand.
Mit dem Volksglauben bin ich erstmals in Kontakt gekommen als ich auf einer archäologischen Grabung gearbeitet habe. Auf dem alten Friedhof haben wir ein Skelett gefunden, auf dessen Brustkorb ein großer Stein lag. So ein Stein ist immer ein Zeichen dafür, dass hier ein Wiedergänger bestattet wurde.
Wie der Name schon verrät, handelt es sich bei einem Wiedergänger um einen Verstorbenen, von dem die Menschen befürchteten, er könne aus seinem Grab steigen und den Lebenden schaden - die Gründe für diese Befürchtung konnten zahlreich sein: Der Tote war einen unklaren Tod gestorben (bspw. an einer Krankheit, die noch nicht bekannt war), was stellenweise als Indiz gewertet wurde, dass der Tote zu Lebzeiten möglicherweise seine Seele dem Teufel verkauft hatte, der Teufel die Seele nun geholt habe und nun die ernsthafte Gefahr bestünde, dass der Tote wiederkehren konnte.
Aber auch bei Mordopfern wurden nicht selten gewisse Vorsichtsmaßnahmen getroffen, denn wer konnte garantieren, dass der Tote nicht wiederkehren würde, um sich an den Mördern zu rächen - und wer konnte garantieren, dass er dann nicht gleich auch an Unschuldigen Rache nimmt?

Die Figuren im Volksglauben sind sehr vielfältig und teilweise sehr skuril. Da gibt es z.B. die Nachzehrer, die auch gewissermaßen Wiedergänger waren, allerdings konnten sie den Lebenden schaden, ohne dem Grab zu entsteigen. Dem Glauben nach konnten Nachzehrer Lebenden die Lebenskraft aussaugen, indem sie im Grab am Grabtuch oder an ihrem Arm lutschten oder kauten. Um dem vorzubeugen war es wichtig, einem Verstorbenen nicht in die Augen zu schauen, denn durch diesen Augenkontakt konnte erst die Bindung zwischen Nachzehrer und Lebenden entstehen. Weiterhin wurden den Toten oft auch ein paar Steinchen oder Erbsen auf die Brust gelegt. Die Theorie dahinter finde ich wirklich sehr interessant: Ein Nachzehrer, so die These, müsse die Steine oder Erbsen auf seiner Brust erst zählen, ehe er mit seinem schadhaften Treiben beginnen könne (wieso man das glaubte, kann ich Euch nicht erklären). Da man davon ausging, dass ein Nachzehrer im Pakt mit dem Teufel stünde, war es aber dem Nachzehrer nicht möglich, bis Drei zu zählen, denn die Drei ist die Zahl der christlichen Dreifaltigkeit und somit eine heilige Zahl, die ein Nachzehrer nicht aussprechen könne. Insoweit war also dem schadhaften Treiben des Nachzehrers vorgebeugt und man könnte quasi sagen: Und wenn er nicht erlöst wurde, dann zählt er noch heute.

Viele Leute heute betrachten sich als aufgeklärt und können über derartige Geschichten nur lachen, doch auch heute ist der Volksglauben sehr präsent - wir kennen ihn alle noch aus unserer Kindheit. In der Wissenschafts spricht man von sog. Kinderschreckfiguren, also von Gestalten, die dem Volksglauben entnommen wurden und die dazu dien(t)en, Kinder von bestimmtem Verhalten abzuhalten. Beispiele dafür sind z.B. Wassermänner, die angeblich die Kinder vom Ufer eines Sees oder Fluß ins Wasser zögen und ertränken würden oder z.B. der (wir kennen ihn alle) Sandmann, der Kindern, die nicht schlafen wollen, Sand in die Augen reibt.
Eine andere, noch immer sehr aktuelle Figur, die wir mit Sicherheit auch noch aus unserer Kindheit kennen, ist der Schwarze oder Fremde Mann, vor dem wir immer gewarnt wurden. "Nimm nichts von Fremden an!" oder "Gehe niemals mit dem Fremden Mann!", Sätze, die Kinder auch heute noch zu hören bekommen. Auch wenn Nachzehrer oder Aufhocker mittlerweile im Reich der Sagen und Märchen verbucht werden (und leider sehr unbekannt sind, was ich schade finde, da einige dieser Figuren einen deutlich angenehmeren Grusel verursachen, als der 38. Teil von Saw), sind auch wir heute noch irgendwie 'volksgläubig'.

Auch wenn der Volksglauben heute anders aussehen mag und vielfach der sog. Wissenschaft gewichen ist (neuerdings gelten ja z.B. die Erkenntnisse der Neurobiologie als der Weisheit letzter Schluss), gibt es doch auch bei uns Erwachsenen von heute die Nachzehrer und Wiedergänger, die Schwarzen Männer und derleit Gestalten. Heute nennt man sie z.B. "Internationaler Terrorismus". Das Schreckensgespenst vom Terrorismus ist allgegenwärtig und die Angst vor dem Schwarzen Mann im Flughafen-Terminal, wenn man auf das Boarding wartet, begleitet viele von uns ähnlich sehr, wie die Angst vorm Aufhocker den Wanderer im nächtlichen, rheinländischen Wald im 14. Jahrhundert.

Gerade heute wurde diese Angst mal wieder etwas geschürt - unser Innenminister warnt davor, dass ein Terroranschlag in Deutschland Ende November bevorstünde: Grundgütiger, das ist ja schon nächste Woche?!?!
Natürlich wurde diese Warnung wieder mit dem üblichen Zusatz versehen, man solle jetzt nicht in Panik verfallen oder Angst haben, aber wieder stellt man sich doch die gleichen Fragen: Wenn wir keine Angst haben sollen, wieso macht man sie uns dann? Wenn es konkrete Hinweise auf Anschläge gibt, wieso tun Polizei und Geheimdienst nicht das nötige, um diesen zu verhindern? Warum wird stattdessen die Bevölkerung in Alarmbereitschaft versetzt?
Ich meine, ich gehe doch auch nicht schwer erkältet auf eine Party, trinke aus einer Flasche Bier, drücke einem anderen diese in die Hand, sage "Trink!" und füge dann hinzu: "Eine Erkältung steht dir unmittelbar bevor! Aber kein Grund zur Panik."

Es ist ja nun mittlerweile ein wiederkehrendes Phänomen, diese Warnung vor dem Anschlag, der kommen wird. Sollte es tatsächlich die Absicht sein, die Bevölkerung in Alarmbereitschaft zu versetzen, dann dürfte das mittlerweile nicht mehr klappen. Selbst der ängstlichste Deutsche sagt sich doch mittlerweile: "Jaja, das sagen die doch dauernd, aber es passiert eh nichts"... die alte Geschichte mit dem Jungen, der immer "Hilfe, Wölfe!" schrie.

Was die Politik tut ist grob fahrlässig. Ganz davon abgesehen, was für einen üblen Geschmack es hat, wenn eine Regierung versucht, ein Volk kollektiv in Angst zu versetzen (welche Folgen das haben kann, haben wir 39-45 gesehen, da wurde das Volk kollektiv in die Angst vor dem Juden versetzt), welche Folgen verspricht man sich von solchen Warnungen? Soll ich nun am Flughafen oder Bahnhof jeden arabisch aussehenden Mann mit Vollbart der Polizei melden oder aus eigenem Antrieb Taschenkontrollen bei Leuten durchführen, die mir verdächtig vorkommen?
Immerhin - Herr Theveßen, der selbsternannte Terror-Experte des ZDF und neben Peter Scholl-Latour inoffizieller Panikbeauftragter der Regierung, wies gerade in der heute-Sendung noch darauf hin, dass ein jeder Bürger seinen Beitrag leisten könne: Wir sollten darauf achten, ob Leute in unserem Umfeld mit großen Mengen Chemikalien hantieren, plötzlich ihren Wohnort wechseln oder sich Waffen besorgen wollten, kurzum: Ein kleiner Aufruf, mal ein bißchen Stasi zu spielen - es scheint ja nötig zu sein, der Anschlag steht ja kurz bevor! Wer garantiert mir denn, dass mein Nachbar wirklich an seinem Motorrad schraubt und nicht eine Bombe in dieses einbaut?!

Oder aber zielt die Regierung auf was anderes ab? Könnte es auch sein, dass man mal wieder etwas Ruhe ins Volk bringen will? Kollektiver Wahn, damit wir eben schnell mal andere Anliegen vergessen?
Blöderweise gibt es ja gerade keine Fußball-, Handball- oder Tischkicker-WM, mit der man das Volk betäuben könnte. Stattdessen ist das Volk erbost - über Lobbygeschenke, Bahnhöfe, Atomtransporte, etc. und noch schlimmer: Es protestiert dagegen! Die Stimmung im Land wird immer schlechter, die Umfragewerte fallen im Sturzflug und bald stehen lauter Landtagswahlen an, die, sollte man diese verlieren, das frühzeitige Ende für Schwarz-Gelb in Berlin bedeuten würden.
Was tut man also bei Unzufriedenheit? Man lenkt ab - und worauf springen auch heute noch Leute irgendwie an? Terrorismus.

Sind wir ehrlich - ein Terroranschlag wäre momentan das Beste, was der Regierung in Berlin passieren könnte. Die Deutschen würden vermutlich, wie 2001 in den USA, zusammenrücken; eine Welle von Patriotismus, Betonung unserer Grundwerte und Freiheiten; das Vergessen von weniger wichtigen Dingen wie Gesundheitsreform oder Laufzeitenverlängerung - welche Rolle würde das alles noch spielen, wenn in Berlin oder Frankfurt Ground Zero noch qualmt? Und so kann man es auch keinem Verschwörungstheoretiker verübeln, wenn er denkt, ein Anschlag stünde wirklich bevor, aber nicht von Terroristen, sondern von Schwarzen Männern des BND.

Zwei Möglichkeiten gibt es:
#1: Die Regierung verfolgt wirklich die "Machen wir allen Angst, dann regen die sich nicht mehr so sehr über andere Sachen auf"-Politik - der Schwarze Mann, der Wiedergänger des Terrors, der uns immer bedroht und den wir niemals auf die leichte Schulter nehmen dürfen.

#2: Es steht wirklich ein Anschlag bevor.

Zur ersten Möglichkeit habe ich meine Meinung geschrieben, zur zweiten fällt mir nur das ein: Weniger über Anschläge reden, wenn es wirklich konkrete Gefahr gibt und dafür mehr dagegen handeln.

Aber wie realistisch ist Möglichkeit zwei? Ich persönlich tendiere eher zu Erklärungsansatz eins. Das Volk muss mal wieder etwas eingebremst werden und wenn man als angenehme Nebenwirkung noch ein bißchen mehr gegenseitige Überwachung durch die Bürger erreicht, dann wäre das doch ganz praktisch. So wird zwar vielleicht nicht der nächste Schläfer enttarnt, der sich im Berliner Bahnhof in die Luft sprengen will - aber vielleicht entdeckt Herr Maier von nebenan ja 'zufällig', dass sein Nachbar Herr Müller in seiner Garage schon den Protest gegen den nächsten Castor vorbereitet und Terrorwerkzeuge wie Ketten und Schlösser bereitlegt? Praktisch wäre es doch und würde immerhin der Polizei Arbeit abnehmen, die haben im Wendland eh schon genug zu tun: Falls Ihr es nicht wusstet - im Vorfeld des letzten Castortransportes sind bekannte Anti-Atomkraftaktivisten von der Polizei aufgefordert worden, ihre Daten zu übermitteln, da sie als potentielle Straftäter gelten. Schöne neue Welt...

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