Montag, 6. Dezember 2010

Eine traurige Wahrheit

Angenommen man würde mich nach meinem Tod einfrieren, in 250 Jahren wieder auftauen und irgendwie wieder zum Leben erwecken und man würde mich fragen, was der größte Wunsch der Menschen in meiner Zeit gewesen sei, fiele mir die Antwort nicht schwer und ich würde antworten: Sicherheit.

In den letzten Jahren wird unser Alltag mehr und mehr vom Thema Sicherheit bestimmt: Wir brauchen Sicherheit vor Terroristen, Sicherheit vor Pandemien, Sicherheit vor Verkehrsunfällen. Wir wollen finanzielle und materielle Sicherheit, Jobsicherheit, Sicherheit bei Lebensmitteln, Putzmitteln, Winterreifen, Krankenversicherungen... wir wollen Sicherheit, wohin wir schauen. Immer mehr igeln die Menschen sich ein in ihre sichere Welt, wo wir kein unnötiges Risiko eingehen wollen: Unsere Weihnachtslichterketten sind TüV-, VDE- und GS-geprüft, unsere Autos mit Sicherheitsextras bis zum Abwinken vollgestopft, unsere Wohnungen verfügen über Rauchmelder und unsere U-Bahnhöfe sind mit Überwachungskameras übersät, denn sie bringen Sicherheit.
Groß ist dann immer der Schreck, wenn in unsere vermeintlich sichere Welt ein Ereignis tritt, welches uns eine traurige Wahrheit vor Augen führt: Das Leben ist sehr gefährlich!
An jeder Ecke drohen Gefahren: betrunkene Autofahrer, religiöse Fanatiker mit Sprengstoffgürteln, Grippeviren, Flugzeugabstürze, rostige Nägel auf Kinderspielplätzen - so viele Gefahren und so wenig Sicherheit und trotzdem: Wir stürzen uns immer weiter in unsere Bemühungen, wenigstens so viele Risiken zu minimieren, wie es nur geht und irgendwie glauben wir uns dann mit ABS und Airbag bei Glatteis doch sicher.
Und zu Hause sowieso: Wir sind gerüstet für alle Gefahren. Die Hausapotheke ist gefüllt, Wasser wird nur mit Bedacht gekocht und unser Weihnachtsbaum wird lieber nur mit LED-Lichterketten beleuchtet, riskieren wir bloß kein Feuer durch das Verwenden echter Kerzen. Wir schalten unseren TV an und lassen uns berieseln von den Gefahren, die andere durchmachen müssen: Die Helden aus unseren Lieblingsserien oder auch die Menschen in Dokumentationen - puh, besonders diese Dokumentationen lassen einem manchmal vor Nervenkitzel die Haare zu Berge stehen... aber das ist Fernsehen, da geht zum Glück am Ende immer alles gut.

Und mitten in unseren sicheren Samstagabend platzt ein Ereignis, was uns überfordert: Ein Unfall - in einer Familiensendung. Und schlimmer noch - kein Happy Ending, der Verletzte liegt im künstlichen Koma, hat Lähmungserscheinungen... was ist da los? Das ist doch Fernsehen! Das ist doch sicher! Dort werden keine unkalkulierbaren Risiken eingegangen?! Oder etwa doch??
Da setzt sie wieder ein, die erschreckende und traurige Wahrheit: Leben ist gefährlich.
Aber anstatt diese Tatsache anzuerkennen, werden die Fragen laut: "Sind wir zu weit gegangen?", "Darf Quote über Sicherheit stehen?", "Was darf das Fernsehen und was nicht?"

Ihr wisst sicher schon längst, dass ich über den Unfall bei 'Wetten dass...?' schreibe, wo sich ein Kandidat bei dem Versuch mit Sprungschuhen (oder so ähnlich) über ihm entgegenkommende Autos zu springen, schwer verletzt hat. Der letzte Stand ist, dass der Kandidat im künstlichen Koma liegt, Halswirbelverletzungen und Lähmungserscheinungen hat. Die Debatte kochte ja sehr schnell hoch: War das zu riskant? Geht das Fernsehen zu weit? War die Wette wirklich sicher genug geplant und durchgeführt?

Diese Debatte stört mich aus mehreren Gründen, die ich hier ausführen möchte:

1. Es gibt kein kalkulierbares Risiko

Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten so sehr in unser sog. Sicherheitsbedürfnis reingesteigert, dass wir immer mehr glauben, wir könnten Risiken eindämmen, kontrollieren oder sogar abschalten. Die Tatsache ist aber leider, dass das nicht geht. Risiko ist nicht kalkulierbar, deshalb nennt man es ja auch Risiko. Egal wie gut wir Dinge vorbereiten, je gefährlicher sie sind, umso größer bleiben die Aspekte, die wir nicht kontrollieren, nicht beeinflussen können.
Ein Beispiel: Die Straßen sind glatt und ich fahre mit einem neuen Auto mit allen Sicherheitsextras, neuen Winterreifen, etc. Ich fahre auf der Landstraße, obwohl es sehr glatt ist, mit 80km/h - das ist riskant, würde man sagen, vielleicht sollte man lieber 50 fahren. Aber ich denke, ich stehe auf der sicheren Seite: Ich bin rundum geschützt und glaube, dass ich das Risiko, was ich eingehe, einschätzen kann - am Straßenrand stehen keine Bäume, gegen die ich prallen könnte, es ist kein anderer Verkehr unterwegs, das schlimmste, was mir passieren könnte ist, dass ich von der Straße rutsche und im Graben lande. Das wäre zwar ärgerlich, aber nicht tragisch, da mir in meinem (vermeintlich) sicheren Auto nicht viel passieren kann.
Ich glaube, dass ich das Risiko überblicke und gut kalkuliert habe und fahre weiter mit 80. Leider aber gibt es im Leben immer die Dinge, die man nicht vorhersehen kann: Es passiert, mein Wagen bricht aus, kommt von der Straße ab, dabei in einem so unglücklichen Winkel, dass sich der Wagen überschlägt. Jetzt kommt noch Pech dazu - da gibt es am Straßenrand einen neuen Weidezaun, erst seit drei Tagen da, von dem ich nichts wusste. Der Wagen überschlägt sich so unglücklich, dass die Fahrerseite auf einen Pfahl des Zauns stürzt und der Pfahl mich aufspießt.
Ich dachte, ich hätte das Risiko kalkuliert - aber ich habe eine Tatsache übersehen: Das Unvorhersehbare. Wie groß war die Chance, dass die Dinge so ablaufen, wie sie es sind? Ziemlich gering und haben in meiner Kalkulation überhaupt keine Rolle gespielt. Aber sie sind passiert - ich bin schwer verletzt oder tot, obwohl ich dachte, ich könnte das Risiko einschätzen und kontrollieren.

Das Leben besteht immer aus Situationen, die wir nicht vorhersehen können. Und je mehr wir riskieren, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Ereignisse eintreten können, die wir nicht auf der Rechnung hatten. Fahre ich mit 220km/h über die Autobahn, denke ich, ich kontrolliere die Situation. Aber wenn ein Reifen platzt, ich einen Herzinfarkt bekomme oder was auch immer, dann kommt die erschreckende Tatsache: Ich kontrolliere gar keine Situation und damit ihr Risiko - die Situation kontrolliert mich und ich kann nur glauben, ich würde die Dinge souverän steuern und überblicken.
Und so war es am Samstag: Die Verantwortlichen und der Kandidat glaubten, sie hätten das Risiko kalkuliert und unter Kontrolle - aber dann liefen die Dinge unglücklich und es zeigt sich, dass niemand das Risiko unter Kontrolle hatte. Jeder wusste zwar, dass dieser Stunt gefährlich ist, aber hatte jeder dieses worst-case-Szenario vor Augen? Vermutlich nicht, denn man glaubte, die Gefahren zu kennen und kontrollieren zu können.

2. Wir lieben den Nervenkitzel

Eine andere Frage, die sich auftat war: "Sind wir zu weit gegangen? Sind solche Stuns wirklich das, was wir sehen wollen?"
Die Antwort auf diese Frage ist leicht: Ja, solche Stunts sind das, was wir sehen wollen. Menschen lieber den Nervenkitzel und die Aufregung, das war schon immer so. Ob Artisten am Trapez im Zirkus oder eben bei 'Wetten dass...?', wir wollen den Nervenkitzel. Ich glaube nicht einmal, dass der 'Blutdurst' des Publikums größer geworden ist, ganz im Gegenteil: Was wir sehen, ist deutlich harmloser als noch der Nervenkitzel von 'früher': Früher wurde ohne Handschuhe geboxt und zwar so lange, bis einer zu Boden ging. Die Artisten benutzten keine Sicherheitsnetze. Ging dort was schief, dann war das richtig übel.
Was die Sicherheitsvorkehrungen angeht, sind wir auf einem hohen Level. Ich denke, dass ein solcher Stunt, wäre er vor 40 Jahren gemacht worden, nicht mit Helm und Rückenpolster durchgeführt worden wäre.
Seien wir doch mal ehrlich zu uns selbst und heucheln jetzt nicht mit den Fragen: "Brauchen wir sowas?", denn wenn wir ehrlich sind, dann stehen wir auf den Nervenkitzel und die Spannung. Warum gucken sich Menschen Männer in Autos an, die ohne Dach über 300km/h fahren? Klar, weil sie den Sport mögen - aber auch, weil es spektakulär ist, gefährlich, es hat einen gewissen 'Thrill', die todesmutigen Fahrer, die ihr Leben aufs Spiel setzen. Menschen lieben sowas... haben sie schon immer und werden sie auch immer.

3. Es war freiwillig - andere Leute leben unfreiwillig gefährlicher

Der Stunt am Samstag war eine freiwillige Sache. Der junge Mann wurde nicht dazu gezwungen, diese Wette einzugehen, er hat sich aus freien Stücken dazu entschieden, das Risiko und die Gefahr einzugehen. Daher stößt mir die Berichterstattung etwas sauer auf - die Fragen ob die Zuschauer oder die Verantwortlichen einfach zu viel Risiko fordern würden, halte ich für unsinnig. Der Kandidat hat sich für diesen Schritt entschieden und damit auch für die eventuellen Konsequenzen. Dass es ihm jetzt schlecht geht, tut auch mir Leid, aber mein Mitleid hält sich in Grenzen... und das aus einem gewissen Grund:
Die Welt ist voll von Menschen, die jeden Tag ihr Leben aufs Spiel setzen müssen. Nicht, weil sie damit ins Fernsehen kommen, sondern damit sie ihre Familie ernähren können. Diese Menschen haben sich die Situation oftmals nicht ausgesucht, sie arbeiten nicht freiwillig an den gefährlichsten Arbeitsplätzen der Welt. Aber reden wir von diesen Menschen? Haben wir Mitleid mit ihnen? Fragen wir: "Sind wir als Menschheit nicht dafür verantwortlich, dass es so schlimme Arbeitsbedingungen gibt? Sind wir, aus den westlichen Nationen, nicht dazu verpflichtet, diese Umstände zu ändern?"
Habt Ihr mal Dokumentationen über Schiffsfriedhöfe in Indien oder Goldminen in Südamerika gesehen?? Das ist übel - und diese Menschen haben sich nicht ausgesucht, ob sie ihre Gesundheit ruinieren wollen oder nicht... sie haben einfach keine andere Wahl!

4. Das TV spielt keine Rolle - wir bestimmen, ob es sowas gibt

Die Frage, ob das TV zu weit gegangen ist, sehe ich auch kritisch. Im Endeffekt hat nämlich jeder von uns sprichwörtlich in der Hand, ob es sowas gibt oder nicht. Wie oft wird kritisiert: "Dieter Bohlen bei DSDS und seine Sprüche, das ist menschenunwürdig!" oder "Wetten dass...? ist einfach zu weit gegangen!", aber warum stellt sich keiner mal die Frage nach der individuellen Verantwortung?
Es ist so leicht, mit dem moralischen Zeigefinger auf RTL, ZDF und Co. zu halten, gleichzeitig aber jeden Samstagabend einzuschalten. Das ist in jedem Fall einfacher, als sich selbst mal zu fragen: "Wenn ich das gucke, stütze ich damit nicht solche Sendungen? Gäbe es das vielleicht nicht, wenn wir nicht mehr zugucken würden?"
Ich habe schon vor langer Zeit meine Konsequenzen gezogen. Die (z.T.) menschenunwürdige 'Unterhaltung' im TV boykottiere ich. Damit verschwindet sowas zwar nicht, aber ich mache mich nicht mitschuldig an dem, was dort passiert. Und ich spare wertvolle Lebenszeit für wichtigere Dinge... mal so ganz nebenbei...

5. Leben ist leider gefährlich und hässlich

Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Das Leben ist gefährlich und oft hässlich. Geschichten gehen nicht immer gut aus, egal wie sehr wir uns das wünschen. Es wird immer schwere Unglücke, Unfälle, Katastrophen geben und wie sehr wir uns auch um Sicherheit bemühen, wir werden das Unvorhersehbare nie kontrollieren können. Besonders, wenn wir den Nervenkitzel wollen, wird es immer hässliche Ereignisse geben.
Vor ein paar Wochen hat sich beim College-Football ein junger Spieler schwer am Nacken verletzt und ist jetzt vom Hals ab gelähmt. Das war ein hässlicher Anblick und das ist wirklich sehr traurig und erschreckend. Aber so hart das klingt - sowas passiert leider. Keiner von uns Fans möchte sowas sehen, aber wir sind uns darüber im Klaren, dass sowas immer wieder passieren kann: Dort sind Männer mit einem Körpergewicht zwischen 100-150kg, die mit großer Wucht aufeinanderprallen. Helme, Pads, etc. können viele Verletzungen verhindern, aber manchmal läuft es einfach so unglücklich, kommt so viel Pech in einer Situation zusammen, dass so schlimme Dinge passieren. Wir werden das Risiko niemals kalkulieren können - hässliche Dinge geschehen. Sei es beim Football, im Straßenverkehr, im Fernsehen oder einfach nur beim Fahrradfahren.

Wir müssen uns, das ist meine ehrliche Überzeugung, wieder mehr von diesem Sicherheitsgedanken verabschieden. Von allen Seiten wird uns eingeredet, wovor wir uns zu fürchten haben, aber gleichzeitig wie wir uns davor schützen können, aber diese Sicherheit ist nur ein Schein: Ich kann 15 Antivirenprogramme haben, ich kann mir trotzdem was einfangen. Ich kann ein Kondom benutzen und trotzdem HIV bekommen. Ich kann Airbags haben, aber trotzdem bei einem Unfall sterben. Meine Lichterketten können 30 Prüfsiegel haben, kommt viel Pech zusammen, brennt meine Wohnung ab.
Wir können zwar viele Risiken eindämmen: Benutze ich ein Antivirenprogramm, sinkt das Risiko, dass ich mir was einfange. Benutze ich ein Kondon, ist mein HIV-Ansteckungsrisiko gering. Habe ich einen Airbag, werde ich mich i.d.R. bei einem Unfall weniger schwer verletzen. Trage ich beim Radfahren einen Helm, sinkt meine Gefahr für Kopfverletzungen.
Aber: Wenn ich Pech habe, nützen mir meine ganzen Vorkehrungen vielleicht doch nichts. Das ist zwar kein Grund, auf Sicherheitsmaßnahmen zu verzichten - aber Tatsache ist: Risiken gibt es immer und wir werden sie einfach nicht ausschalten können... niemals.

2 Kommentare:

  1. Ich gebe dir vollkommen recht. Eine absolute Sicherheit gibt es nur in einem Fall: Das wir alle irgendwann mal sterben.

    Alles andere ist nichts anderes als Glücksspiel.

    Was ich dem ZDF trotzdem hoch anrechne ist, dass sie nicht weitergemacht haben. Das si gesagt haben: "bis hierhin und nicht weiter." RTL ProSieben oder sonstige hätten einfach weitergemacht oder hätten es sogar noch hochgespielt. (Siehe Schlag den Raab, als Stefan sich mehr oder weniger schwer im Gesicht verletzt hat.)

    Hochachtungsvolle Grüße

    StiffmasterX

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  2. Sehr schön geschrieben :)
    Leben gefährdet ihre Gesundheit.

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