Sonntag, 16. Januar 2011

Eigenverantwortung? Nein, Danke!

Wie im letzten Post schon erwähnt, habe ich gerade erst wieder kaio besucht. Bei diesen Besuchen komme ich auch immer in den zweifelhaften Genuss, mal wieder Zugang zum Privatfernsehen zu haben, da ich bei mir zu Hause nur die sog. Öffentlich-Rechtlichen emfpange. Das stört mich nicht sonderlich und jedes mal, wenn ich doch wieder mal RTL, Pro7 und wie sie alle heißen sehen kann, merke ich, dass mir nicht viel fehlt.
Eins muss ich allerdings zugeben: Kaum etwas ist ein derartiger Indikator für Trends und Werte in der Gesellschaft wie das, was uns die sog. Privatsender im TV zeigen. Zwar gibt es viele, die stetig versuchen, sich von diesem Indikator freizusprechen und behaupten, all das, was dort an Dummheit, Menschenverachtung, usw. gezeigt wird sei absolut gegen ihre Wertevorstellungen, aber im Endeffekt sind die Quoten ja da und ich kenne ausreichend Leute, die sich pausenlos über Unsinn wie "DSDS", "Germanys Next Topmodel" oder "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" echauffieren, aber am Ende schalten sie dann doch ein, anstatt konsequent zu boykottieren. Gerne spricht man dann seine Mitverantwortung an dem, was dort präsentiert wird, ab, indem man darauf verweist, der Zuschauer sei ja nur das passive Opfer der medialen Nahrungskette, sprich: "Ich kann ja nichts dafür, dass die nichts anderes zeigen!" Die Mitverantwortung daran, dass Menschen vor laufenden Kameras degradiert werden, legt der Zuschauer immer gerne ab. Schuldig, so das Credo, ist stets der Produzent. Als Zuschauer habe man ja keine Möglichkeit, das Programm zu ändern und so ergibt man sich Tag für Tag dem Verdummungsbetrieb.

Eigenverantwortung ist eine großartige Sache. Selten (oder vermutlich noch nie) in der Menschheitsgeschichte, war das Individuum in Europa (vergessen wir nicht: In anderen Kontinenten gilt das zweifelsfrei oft nicht) so frei und in einer derart komfortablen Position, über sein Leben zu bestimmen. Ich als Individuum entscheide frei über mein Leben: Was möchte ich anziehen, welche Frisur möchte ich tragen, wen will ich heiraten, was will ich frühstücken, usw. Unsere Welt ist sehr liberal geworden: Homosexuelle dürfen heiraten, Männer lange Haare tragen, Frauen arbeiten wo sie wollen. Gleichzeitig steht uns konsumtechnisch auch die Welt offen. Im Winter kann ich Erdbeeren bekommen, jeden Tag gibt es im Supermarkt Obst und Gemüse aller Couleur, Frühstücksflocken (ich liebe dieses Wort) gibt es in zigfacher Ausführung, jeder Mensch kann mittlerweile sein Leben individuell gestalten. Diese Art der Gesellschaft gibt uns unglaubliche Freiheiten, die wir mit der nötigen Eigenverantwortung wunderbar genießen könnten - ich empfinde es als großen Luxus, durch eigenverantwortliches Handeln mein Leben in so vielen Dingen selbst bestimmen zu können. Besonders dank des Internets, kann ich durch aktives Handeln so viele Dinge, die mich stören, ändern: Flugpreise sind mir zu hoch? Gut, dann geh ich nicht ins Reisebüro, sondern gucke im Internet und spare. Strompreis der Stadtwerke zu teuer? Na, dann gucken wir mal, was die Konkurrenz so im Angebot hat. Die Zahl der Möglichkeiten ist endlos und ich kann mir persönlich kaum eine bessere Vision von persönlicher Freiheit ausmalen. In dieser liberalen und kapitalistischen Gesellschaft prasseln auf uns zwar eine vielzahl von Eindrücken ein, die versuchen wollen unser Handeln zu beeinflußen (am bedeutendsten ist da wohl Werbung), aber durch ein wenig Denken kann ich dem ganz leicht entgehen, will sagen: Die Milchschnittenwerbung mag noch so toll sein, aber ich werde das Produkt deshalb nicht kaufen.

Wir leben so frei, wie wohl noch keine Generation vor uns. Und doch beobachte ich im Privat-TV einen Trend, der mich sehr irritiert und wie gesagt: Das Privat-TV ist das Stimmungsbarometer der Gesellschaft und spricht man mit gewissen Berufsgruppen, die am Schnittpunkt zwischen Gesellschaft und Individuum sitzen (bspw. Lehrer, Universitätsdozenten), dann findet man das, was mich persönlich so irritiert, im praktischen Alltag bestätigt, sprich: Der Trend, den ich im TV erkenne, lässt sich im 'echten Leben' zahlreich wiederfinden.
Worum es mir geht ist die Aufgabe der Eigenverantwortung durch eine wachsende Zahl von Menschen. Mit meinem vorhin angeführten Beispiel der 'medialen Nahrungskette', an deren Ende das wehrlose Opfer Konsument sitzt und sich ganz hilflos dem Gezeigten ergeben muss, habe ich das ja schon angedeutet.

In der kurzen Zeit bei kaio habe ich nur relativ wenig TV gesehen, aber das bißchen hat mich (und auch kaio) in unserer Beobachtung ein ums andere mal bestätigt: Wohin man schaut, immer öfter hört man: "Schuld sind alle anderen, aber ich nicht!" oder den zweiten Klassiker: "Was kann ich denn schon machen?"
Ein kleines Beispiel. Auf VOX lief am Samstagvormittag eine Dokumentation über fette Menschen. Und ich meine keine Menschen mit einem moderaten Übergewicht, die ich jetzt abfällig als Fette bezeichne, sondern wirklich extrem fette Menschen. Ein Fall dort war ein Mann, der längst die 300kg Marke geknackt hatte und derart adipös war, dass er nicht einmal aus seinem Bett aufstehen konnte. Für Krankenhausbesuche musste die Feuerwehr anrücken, 12(!) Mann mussten ihn aus dem Bett heben und den Hausflur runtertragen. Seine (auch schwer übergewichtige Verlobte) und er erklärten in kurzen Interviewausschnitten stets die Situation und es wiederholte sich ein Erklärungsmuster immer und immer wieder: Der Kerl hat angeblich hormonelle Probleme, er sei so adipös, weil die Krankenkasse das Magenband nicht bezahlen wolle, die Ärzte würden nichts machen wollen, sie selbst seien so hilflos, usw. Worüber kein einziges Wort verloren wurde ist, wie es überhaupt zu den mehr als 300kg kommen konnte. Gut, da wurde dieses Scheinargument von den "Hormonproblemen" herangezogen, aber seltsamerweise haben adipöse Menschen im TV immer Hormonprobleme, die behandelnden Ärzte nennen dann aber ihrerseits stets den wahren Grund: essen.
Hier haben wir einen Fall, wie ich ihn liebe: "Schuld sind die anderen!" und "Was kann ich schon tun?"
Das Magenband hatte ich ja bereits erwähnt. Die Kasse hatte sich bisher geweigert, die Operation zu bezahlen, folglich waren die Menschen von der Kasse die eigentlichen Übeltäter des Übergewichts und nicht die umfangreichen Mahlzeiten des Herrn. Informiert man sich kurz über das Magenband, dann findet man schnell eins heraus: Die Kasse bezahlt diese Operationen - aber erst, wenn der Patient andere Methoden zum Abnehmen probiert hat. Ist dies vorher nicht geschehen, gibt es i.d.R. auch keine Magenbandoperation. Was können wir daraus folgern? Der gute Mann hat also zuvor keine Versuche unternommen abzunehmen, sondern wollte jetzt schnell mal das Magenband haben (im Verlaufe des Berichts gab er dann auch mehrfach zu, nie probiert zu haben abzunehmen). Die Tatsache, dass die "böse Kasse" diese OP auch deshalb verweigert, da er für eine Operation einfach zu fett ist und damit eine solche OP ein unkalkulierbares Risiko ist und er für eine solche OP zuvor min. 50kg abnehmen müsste, wurde auch dezent ausgeblendet.

Ein anderes Beispiel: Ein Bericht über den sog. "Verbraucherbetrug" durch die Lebensmittelindustrie. Erschreckende Enthüllungen wie die Tatsache, dass im "Gelben Tee" der Marke Pfanner sehr viel Zucker enthalten ist oder das im "Monte-Drink" von Zott alles mögliche drin ist, nur nicht das "Beste aus der Milch". Empörte Verbraucherschützer erzürnten sich über solche "schamlose Betrügereien" durch die Industrie. Die Verantwortlichkeiten waren klar verteilt: Die Schuld liegt (mal wieder) bei den anderen (Industrie) und der Verbraucher ist ein wehrloses Opfer, das nichts gegen diesen "Betrug" unternehmen kann.
Was nicht zu hören war, waren Sätze wie: "Ein kluger Verbraucher informiert sich über seine Produkte und schaut sich Zutatenlisten und Nährwerttabellen an."
Zur Verteidigung dieses Berichts muss man lobend erwähnen, dass immerhin erwähnt wurde, wie sehr die Lebensmittelindustrie gearbeitet hat, damit die Politik keine 'Lebensmittelampel' einführt. Das ist in der Tat Betrug - nämlich Betrug von Politikern an ihren Wählern. In England gibt es diese Ampel und ich empfinde diese als eine angenehme Informationsquelle. Klar, man sollte immer einen zweiten Blick auf das Produkt werfen, aber wenn eine Ampel am "Gelben Tee" mit einem roten Hinweis bei Zucker aufwarten würde, würden vielleicht mehr Verbraucher die Augen aufmachen. Aber die Ampel steht jetzt auf einem anderen Blatt und soll hier nicht diskutiert werden...
Wichtig ist, auch hier: Schuldig sind die anderen und der Verbraucher kann nichts machen.

Das waren jetzt nur zwei kleine Beispiel für etwas, das uns überall unterkommt. Ich höre Menschen jaulen, motzen und sich beklagen und stets stehen zwei Dinge fest: Es sind immer die anderen Schuld und das Individuum kann ja nichts machen. Und das reicht mir langsam.

Meine Mutter ist Lehrerin. Von ihr weiß ich, dass mittlerweile fast jeder Lehrer sich eine Rechtsschutzversicherung zugezogen hat, da Eltern immer mehr dazu übergehen, Lehrer bei schlechten Noten zu verklagen. Diese Klagen haben zwar meist (oder nie) Erfolg, aber Anwälte kosten Geld. In "Neues aus der Anstalt" habe ich mal einen Kabarettisten geshehen, der mal erwähnte, früher hätten die Eltern bei einer 5 in Mathe gesagt: "Was bist Du für ein saufauler Bub?" und heute die Eltern lieber dazu übergehen, die Lehrer für das Versagen ihrer Kleinen verantwortlich zu machen. Welches Muster erkennen wir? Die anderen sind Schuld und spätestens nach der abgewiesenen Klage zeigt sich wieder, man könne eh nichts ändern gegen diese bösartige Lehrerschaft, die aus reinem Hass Kindern schlechte Noten gibt.

Ich verstehe nicht, wie es mit uns soweit kommen konnte, dass eine Vielzahl der Menschen dazu übergangen ist, ihre Eigenverantwortung abzulegen. Ist es Faulheit? Dummheit? Überforderung mit den Möglichkeiten unserer liberalen Gesellschaft?
Ich versuche stets, mein Leben eigenverantwortlich zu leben. Halte die Augen auf, informiere dich und ziehe ggf. Konsequenzen!
In einem Punkt haben viele Nörgler ja Recht: "Ich kann ja eh nichts ändern" - das stimmt. Aber wenn jeder eine Kleinigkeit ändern würde, würde sich irgendwann etwas ändern. Ich höre oft, auf meinen Vegetarismus angesprochen, "Du änderst damit doch nichts!"
Nein, durch mein Verhalten verhindere ich keine Schlachtungen. Aber ich ändere einerseits für mich etwas und ich weiß, dass es viele andere Vegetarier gibt und das die Zahl derer stetig wächst. Jeder leistet seinen kleinen Beitrag und vielleicht wird sich eines Tages dadurch was ändern.
Man kann nichts ändern? Dafür, dass ein Vegetarier angeblich nichts ändern kann, hat sich aber in den letzten 20 Jahren viel verändert: Vegetarismus ist längst kein Ökoquatsch mehr, sondern gesellschaftlich akzeptiert, so sehr, dass schon große Konzerne wie McDonalds drauf reagieren.

Im Hinblick auf "Ich kann ja eh nichts ändern" muss den Leuten eine Sache endlich klarwerden: Nein, ein Einzelner kann so gut wie nie etwas ändern - aber das ist ja auch eigentlich die Idee einer Demokratie. Veränderungen passieren nicht von heute auf morgen - aber sie können passieren, wenn viele Individuen ihr Verhalten ändern würden. Dazu muss man nur anfangen!
Als hier in Münster die großen Studiengebührenproteste waren, sind viele nicht demonstrieren gegangen mit der Begründung: "Ich kann ja eh nichts ändern!" Wäre jeder derer, die das gesagt haben, zur Demo gekommen, wären wir locker 20.000 Leute gewesen und dann hätte sich was geändert. Aber nein - "die machen was sie wollen" und "ich kann das ja nicht ändern!"

Wie bereits gesagt: Wir leben eigentlich in einer wunderbar freien Gesellschaft. Ich bin jeden Tag begeistert über die Vielzahl an Möglichkeiten, die ich habe. Für einen mündigen und aufgeklärten Menschen ist unsere Gesellschaft, trotz aller Probleme, eigentlich ein Traum, da er mündig handeln kann.
Als Müller ihre Müllermilch von 500ml auf 400ml reduziert hat, den Preis aber beibehalten hat, war der Aufschrei groß: Betrug sei das, usw. Ich habe das nie als Betrug gesehen. Es war ein Versuch von Müller, mehr Geld zu verdienen. Ich habe es gesehen und daraus meine Konsequenzen gezogen - keine Müllermilch mehr. Das war eine ganz einfache Entscheidung, die jeder hätte treffen können. Stattdessen aber redet man von "Betrug". Betrug? Betrug wäre es gewesen, wenn jeder von uns gezwungen wäre, jeden Tag eine Müllermilch zu kaufen und es keine Alternativprodukte gäbe. Fakt ist aber: Ich muss dieses Produkt nicht kaufen und noch besser: Es gibt Alternativen!

Ich habe keine Ahnung, was mit uns los ist. Unsere Möglichkeiten sind so vielzählig und trotzdem kapitulieren immer mehr Menschen davor. Was ist das? Brauchen Menschen Grenzen und andere, die ihnen sagen, was sie zu tun haben? Ist die Vielzahl der Möglichkeiten einfach viel zu überfordernd für uns? Oder aber sind wir so bequem geworden, dass wir uns dazu entschlossen haben, bloß keine Sekunde darüber nachzudenken, welche Rolle man selbst eigentlich bei allem spielt? Ist es die Angst davor sich bei solchen Gedankenprozessen evtl. eingestehen zu müssen, dass man selbst durch sein Verhalten evtl. doch was ändern könnte? Oder ist es einfach die Faulheit, die Freiheiten mit ihren Bürden zu genießen, sprich: Ich habe die Wahl, aber um die Wahl zu treffen muss ich mich vorher informieren und das ist mir zu viel Arbeit?

Wie gesagt: Ich genieße alle diese Freiheiten. Manchmal nervt es auch mich doch mal ein bißchen, dass man immer die Augen aufmachen muss und im Supermarkt z.B. keinem Produkt trauen kann, sondern doch besser einen Blick drauf werfen muss - aber denke ich dann an die Alternative, nämlich dass ich diese Freiheiten nicht mehr hätte, dann ist das schnell vergessen. So 'traurig' es ist, aber "freedom is not free!" Wer frei sein will, muss auch viel tun, um seine Freiheit nutzen zu können. Es ist schade, dass viele diese Freiheit einfach aufgeben und sich nie fragen: "Was könnte ich denn tun, damit sich was ändert/besser wird/ich mich nicht von Konzernen ausnutzen lasse/etc.?"

Es könnte mir ja eigentlich egal sein, aber es regt mich auf. Wer in einer so freien Welt ständig nur darüber redet, wie eingeschränkt er doch ist als wehrloses Opfer... das ertrage ich einfach nicht. Leute, die Welt liegt Euch hier in Europa zu Füßen! Macht doch was draus!
Ihr wollt keine Verdummung im Fernsehen? Dann lasst ihn aus, lest ein Buch, geht spazieren... macht was sinnvolles! Lasst Euch nicht von Dieter Bohlen und Werbebotschaften erzählen, was angeblich richtig und falsch ist! Boykottiert Galileo und die BILD, wenn Euch das zu blöd ist! Kauft keine Müller-Produkte, wenn ihr diesen "Betrug" nicht unterstützen wollt! Macht die Augen auf im Supermarkt! Regt Euch nicht über die Strompreise auf, sondern guckt erst, ob es Alternativen gibt - gibt es die nicht, dann motzt so viel ihr wollt! Aber tut vorher was! Je mehr Menschen so eigenverantwortlich handeln, umso mehr spüren das RTL, Pro7, Müller und was weiß ich wer noch alles! Und dann verändert sich auch was! Wenn kein Mensch DSDS einschaltet, dann stirbt diese Serie. Wenn kein Mensch Müllermilch in 400ml Packungen kauft, wird Müllers Umsatz sinken und sie werden handeln! Es klingt abgedroschen, aber wir, die sog. Verbraucher, sind die mächtigste Lobbygruppe!!
... wer aber lieber seine Macht und seine Freiheiten abgibt, der hat sie, meiner Meinung nach, eigentlich nicht verdient... leider nur, wird die Zahl dieser Menschen immer größer...

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