Freitag, 24. Juni 2011

Sehr geehrte Frau Silvana Koch-Mehrin

Sehr geehrte Frau Silvana Koch-Mehrin,

mit einem gewissen Erstaunen las ich vor wenigen Tagen von Ihrer Beförderung in den Forschungsausschuss des Europaparlaments, immerhin hatte die Universität Heidelberg erst vor kurzem bekannt gegeben, dass Ihr Doktortitel wegen grober Verletzung wissenschaftlicher Standards und wissenschaftlicher Ethik entzogen werden würde. Es hat schon ein gewisses Element der Ironie, wenn ausgerechnet eine Person, die dem Rufe der Forschung in Deutschland nachhaltig einen Schlag versetzt hat - man bedenke, welche verheerende Wirkung ihr unsauberes Arbeiten und das Ihres werten Politikerkollegens zu Guttenberg auf den Teil der Bevölkerung hat, die nicht das Glück hatte, eine Universität besuchen zu dürfen - jetzt in Europa politische Verantwortung für die Forschung mitträgt. Man muss keinen Doktortitel haben um zu erkennen, dass hier doch gewissermaßen der Bock zum Gärtner gemacht wird und ich möchte Sie daher fragen, ob Sie eigentlich keinerlei Gefühl von Anstand besitzen?

Ich studiere derzeit an der altehrwürdigen Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster und schreibe dort im Augenblick meine Abschlussarbeit. Meine Kommilitonen und ich haben uns unser ganzes Studium über ehrlich bemüht, ordentliche Leistungen zu erbringen und sauber zu arbeiten. Für jede noch so unbedeutende Hausarbeit, deren Noten mir ohnehin egal hätten sein können, da nach meiner Studienordnung nur die Abschlussarbeit und die finalen Prüfungen die Note konstituieren, habe ich sauber und wissenschaftlich korrekt gearbeitet. Ich habe mir Nächte um die Ohren geschlagen, bin dutzendfach quer durch die Stadt geradelt oder marschiert, um aus irgendeiner kleinen Institutsbibliothek noch dieses oder jenes Buch für meine Arbeit zu besorgen und habe mich immer darum bemüht, jede Textstelle, die ich wörtlich oder sinngemäß übernommen habe, zu kennzeichnen. Vielmehr noch - ich musste bei meinen Hausarbeiten sogar eine schriftliche Erklärung darüber abgeben, diese wissenschaftlichen Standards eingehalten zu haben und selbstverständlich werden seit einiger Zeit die Hausarbeiten auch durch elektronische Plagiatserkennungsprogramme gejagt, um Täuschungsversuchen auf die Schliche zu kommen.
Die Folgen solcher Täuschungsversuche - ob nun in Haus- oder Abschlussarbeiten - sind i.d.R. verheerend. Würde ich mit einer derartigen Lässigkeit meine Abschlussarbeit zusammenschreiben, mit der Sie anscheinend Ihre Dissertation verfasst haben... ich müsste mit folgenden Konsequenzen rechnen: Exmatrikulation, mit Sicherheit keine zweite Chance an einer anderen Uni, ergo "Auf nimmerwiedersehen, Universitätsabschluss" und ggf. hier in NRW auch mit einer Strafanzeige, die empfindliche Strafen nach sich ziehen kann. Mit einem solchen Lebenslauf dürfte die Arbeitsplatzsuche sicherlich auch erheblich schwerer werden und die Strafe meines unverantwortlichen Handelns wären derart heftig, dass meine Karriere mehr oder weniger vorbei wäre, ehe sie angefangen hätte.

Aber wissen Sie - das finde ich richtig! Schon als Kind bekommt man gelehrt, dass es nicht richtig ist zu klauen. Was einem anderen gehört, darf ich nicht einfach wegnehmen, das ist eine Grundregel, ohne die ein gesellschaftliches Miteinander von Menschen unmöglich ist. Wo kämen wir hin, wenn jeder sich am Eigentum anderer vergreifen würde und sein Leben auf der Arbeit anderer aufbauen und wenig Eigenleistung erbringen würde? Waren es nicht Sie und Ihre Partei, die immer laut forderten "Leistung muss sich lohnen" oder "Förderung der Leistungsträger"? Hat nicht auch Ihre Partei laut gesagt Raubkopierer seien Verbrecher und empört über die 'Schwerverbrecher' von Napster oder Kino.to die Nase gerümpft? War es nicht sogar eine schwarz-gelbe Koalition in NRW, die die Strafen für Plagiatssünder an Universitäten verschärft hat?

Frau Koch-Mehrin: Verraten Sie mir bitte eins! Wo ist Ihre Leistungsträger-Leistung? Was ist Ihre Leistung, die sich lohnen muss? Schaue ich mir nämliche Ihre Karriere so an, frage ich mich nämlich allen ernstes, wer von uns beiden eigentlich der Leistungsträger ist? Niedrige Anwesenheitsquote, mangelndes Fachwissen, Diebstahl geistigen Eigentums - sind das die Werte einer selbsternannten Leistungselite? Mit allem nötigen Respekt, aber hätte ich in einem noch so unbedeutenden Referat in einem noch so unbedeutenden Seminar derart eklatante Wissenslücken bewiesen, wie Sie es bspw. bei Herrn Plasberg in der Sendung vom 5. Mai 2010 taten, hätte ich vermutlich nie im Leben meinen Schein erhalten, was wiederum einen Rückschritt für mein Studium, ggf. Probleme mit dem Bafög-Amt, etc. bedeutet hätte. Dabei wäre es nichtmal wichtig gewesen, ob das Referat zufällig sogar nur ein Thema drehen würde, das mich nicht im geringsten interessiert und das ich deshalb schlampig recherchiert hätte - man hätte von mir erwartet, dass ich über das Thema ausreichend informiert bin, ob nun mit Interesse oder nicht. Und mit Verlaub - bei Ihnen handelte es sich sogar um ein Themengebiet, das zu Ihrem Arbeitsplatz gehörte und für das Sie nicht schlecht bezahlt werden - mit Sicherheit deutlich besser, als ich in meinen Nebenjobs, mit den ich versuchen muss, irgendwie über die Runden zu kommen. Verstehen Sie - auch meine Arbeitgeber haben von mir immer Leistung verlangt. Das muss also noch neben dem an sich schon anspruchsvollen und arbeitsintensiven Studium gestemmt werden.
Ich weiß nicht, wie es während Ihres Studiums war - aber bei mir ist es so, dass der Arbeitgeber sich nicht dafür interessiert, wie viel Stress ich im Studium habe und den SeminarleiterInnen ist es i.d.R. egal, wie viel Stress ich in meinen Nebenjobs habe. Beide erwarten (und das zu Recht) ordentliche Leistungen von mir.

Nur, wissen Sie - langsam fragt sich jemand wie ich, ob ich nicht doch irgendwas grundlegend verkehrt mache? Schauen Sie, ich habe in meinem Leben schon einige Leistungen erbracht und einige schwierige Aufgaben gemeistert. Dabei bin ich immer ehrlich geblieben. Ich habe keine Hausarbeit zusammenkopiert (nicht mal Kapitel oder Absätze), meine Klausuren durch Lernen bestanden, die letzten Drecksjobs gemacht, um Geld zum leben zu haben, usw. Es war oft nicht leicht, aber ich will mich darüber nicht beklagen - ein Studium ist nunmal Arbeit und so soll es ja auch sein.
Aber nun stehe ich kurz vor dem Ende und blicke einer unsicheren Zukunft entgegen: Die Wirtschaft sieht sich einer extremen Bedrohung entgegen (Eurokrise), eine Rente dürfte für unsere Generation (sofern wir nicht das Glück haben, einen Posten wie Ihren zu ergattern) lediglich eine leere Versprechung bleiben, Lebenshaltungkosten steigen mehr und mehr, ohne, dass es zu einer Anpassung der Löhne käme, Billiglöhne und Knebelverträge sind längst kein exklusives Phänomen des Niedriglohnsektors, usw. Viele von uns blicken mit Sorge in die Zukunft, in dem Wissen, dass all unsere Leistung, die wir erbracht haben, sich evtl. nicht (in naher und auch in ferner) Zukunft auszahlen werden. Unsere Leistung, so wird uns besonders durch die Politikerriege suggeriert, lohnt sich nicht. Stattdessen aber wächst in uns allen der Eindruck, dass sich Nicht-Leistung zu lohnen scheint. Unfähigkeit und Schlamperei im Beruf und Privatleben führen tatsächlich zu Beförderung und fürstlicher Entlohnung, wenn man nur in der richtigen Position ist. Erdreistet sich dann auch noch das dumme Stimmvieh über eine derartige Unverschämtheit, wird mit entsetztem Unverständnis reagiert, z.T. bockig wie ein kleines Kind.

Frau Koch-Mehrin... mit Ihrem Verhalten spucken Sie in das Gesicht aller ehrlich arbeitenden Menschen - in Deutschland und in Europa. Sie spucken in das Gesicht all jener, ohne deren tagtägliche Leistung unser gesamtes Gesellschaftssystem zusammenbrechen würde. Sie spucken in das Gesicht des Bäckers, der jede Nacht aufsteht, Sie spucken in das Gesicht jedes Altenpflegers, der Menschen auf ihrem z.T. kümmerlichen letzten Weg ihres Lebens begleitet und von ihrem Gehalt kaum leben können, Sie spucken in das Gesicht des Privatdozenten, der trotz hervorragender Leistungen unentgeltlich arbeiten muss, weil die schwarz-gelbe Koalition noch schlimmere Knebelverträge für Universitätsdozenten möglich gemacht hat, sie spucken in das Gesicht eines jeden Menschen, der dumm genug ist, ehrlich zu arbeiten und zu leben und Ihnen Ihr nettes Leben bezahlt. Ihr ehemaliger Parteichef prangerte einst die spätrömische Dekadenz in unserem Land an. Dekadent sind nicht wir - dekadent sind jene, die uns ins Gesicht spucken. Dekadent sind jene, die Unternehmensberater und Bankenvorstände als 'Leistungselite' bezeichnen, nicht aber die kleinen Unternehmer, die sich z.T. kaputtarbeiten, damit andere Arbeit haben.

Und Sie spucken mir persönlich ins Gesicht mit Ihrem Verhalten! Ihr ganzes Gebaren, von wegen die Verfehlungen in Ihrer Dissertation seien ja eigentlich der Universität anzulasten und nicht Ihnen und dann noch diese Beförderung - wissen Sie eigentlich, wie dämlich man sich dabei vorkommt? Wenn man sein ganzes Studium sauber, ordentlich und vor allem hart daran gearbeitet hat, die wissenschaftlichen Standards einzuhalten, den wissenschaftlichen Ethos zu pflegen und dann sieht, dass Stümper, die diese Standards und diesen Ethos mit Füßen getreten haben, am Ende noch belohnt werden?

Sie sollten sich eigentlich in Grund und Boden schämen - stattdessen treten Sie mit einer derart unfassbaren und dreisten Arroganz auf, dass es mir hochkommt. Frau Koch-Mehrin: Sie sind und waren nie eine Leistungsträgerin! Sie haben mehrfach Unfähigkeit, Unwissen und Unverschämtheit bewiesen - sollten dies die Tugenden unserer 'Leistungselite' sein, dann ist es um unser Europa arm bestellt.

Und wissen Sie, was das traurigste ist? Menschen wie Sie, deren anscheinend einziger Bezug zur Realität von uns 'normalen' Menschen die Kolumne in der Praline ist, die sie geschrieben haben, schaffen es, dass ein eigentlich hochpolitischer Mensch wie ich, zunehmend in eine absolute Politikverdrossenheit abrutscht und den Glauben daran verliert, dass in den hohen Häusern sich eigentlich noch irgendjemand für die Tugenden interessiert, die Sie alle uns immer predigen: Sparsamkeit, Fleiß, Ehrlichkeit, Anstand, etc.

Hochachtungslos,
Ihr American Hausmeister

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