Am Montag war in den Vereinigten Staaten der 'Memorial Day'. Dies ist der Feiertag, an dem allen gefallenen Soldaten, die unter der US-Fahne gekämpft haben gedacht wird und an dem auch nochmal den derzeit dienenden Soldaten gedacht wird. Das letzte Wochenende war also ein recht militärisches. Am Sonntag bspw. wurde im Vorfeld der sehr populären und wichtigen Autorennen, das Indianapolis 500 und NASCARs Coca Cola 600, wieder viel militärischer Pomp aufgefahren und Moderatoren und Kommentatoren betonten ein ums andere mal ihre Dankbarkeit und ihren Respekt gegenüber den Soldaten. Für Europäer, und besonders für uns Deutsche dürfte sowas noch immer irgendwie etwas befremdlich, z.T. auch etwas realitätsfern wirken. Wenn ein Kommentator dort in die TV Kamera sagt, er danke den Truppen "for fighting and securing our freedom", mögen viele sicherlich denken "Wo verteidigen denn US-Truppen in Afghanistan oder im Irak die Freiheit der Amerikaner? Was für ein Blödsinn!!"Aber das Verständnis von Militär und seiner Rolle ist in den USA, speziell natürlich in den konservativen Kreisen ein ganz anderes als hier. Die Ursachen dafür sind natürlich vielfältig: Das beginnt schon damit, dass die USA in deutlich mehr Konflikten militärisch tätig sind, quasi jede Generation bisher 'ihren' Krieg hatte - Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Korea, Vietnam, Irak I, Afghanistan, Irak II - und da fehlen ja noch viele kleinere Konflikte, in denen US-Soldaten gekämpft haben. Eigentlich sind Vertreter aller Generationen bisher mit Krieg in Kontakt gekommen - und die Familienangehörigen dieser Generation natürlich auch. Es gibt vermutlich kaum eine Ortschaft in den USA, in der nicht Veteranen irgendeines Krieges leben.
Dazu kommt aber natürlich auch, dass das US-Militär in den Medien relativ präsent ist, Stichwort Werbung. Die Freiwilligenarmee in den USA braucht Nachwuchs und um den kämpft es mit dem freien Wirtschaftsmarkt. Dementsprechend gibt es Werbung in TV, Radio, Zeitung, Werbeveranstaltungen - selbst die sog. 'Fly Overs', also eine Kampfflugzeugformation, die immer bei einem Sportereignis nach der Hymne über das Stadion fliegt, fallen in diese Sparte.
Die USA sind keine militaristische Gesellschaft - aber der Kontakt zum Militär ist u.a. wegen dieser Faktoren ein deutlich anderer. Verglichen mit Deutschland - wer von uns kennt einen 'echten' Soldaten (damit meine ich jetzt nicht all jene, die den Wehrdienst geleistet haben)? Wer kennt einen Soldaten, der in einem Kampfeinsatz verwundet wurde oder gefallen ist? Und was wissen die meisten von uns überhaupt über die Bundeswehr? Primär denkt doch die Mehrheit an Sauf- und Ekelrituale hinter Stacheldrahtzäunen.
Ich trage schon länger an meiner Jacke einen Pin in Form einer Schleife, die zur Hälfte gelb und zur anderen Hälfte im 'Stars and Stripes'-Design gehalten ist. Auf ihr steht "Support our Troops" und dieses Symbol, eben diese gelbe Schleife, ist in den USA ein vielzitiertes Motiv - es findet sich als Aufkleber auf Autos, auf Fahnen vor den Häusern, als Pins an Jacketts, Mützen, etc. Dieses Symbol wird natürlich gerne missinterpretiert - ich hatte auch schon einige Diskussionen deswegen. Viele glauben, es sei eine Zustimmung zu den Kriegen in Afghanistan oder im Irak oder zu Krieg an sich. Ich hörte schon den Vorwurf, ich sei ein Militarist, aber solcherlei Anschuldigungen sind absurd. Dieses Symbol hat eine ganz andere Bedeutung: Es bedeutet viel mehr, dass man hinter den Soldaten steht - nicht im Sinne von "Jetzt haut den Mulucken dort mal ordentlich aufs Maul", sondern im Sinne, dass wir das, was die Soldaten tun, anerkennen und ihnen eine wohlbehaltene Heimkehr wünschen. Und da kommt der entscheidende Punkt - eine solche Haltung ist unabhängig zu der eigenen Positionierung zu dem jeweiligen Krieg. Ich kann gegen den Krieg im Irak sein, aber trotzdem den Soldaten wünschen, dass sie gesund bleiben und bald nach Hause kommen. Es geht darum, die Menschen hier daran zu erinnern, dass am anderen Ende der Welt unsere Landsleute kämpfen und wir das nicht vergessen.
Ich habe den Eindruck, dass das Verhältnis zu den Soldaten der Bundeswehr in Deutschland immer nur in Extremen funktioniert. Fällt im Kampfeinsatz ein Soldat, so pendelt die Meinung der Menschen immer zwischen Zynismus ("Die sind ja selbst Schuld, wer Soldat wird, muss mit sowas rechnen!"), theatralischer Heroisierung ("Dieser Mann ist den Heldentod gestorben, er ist ein wahrer deutscher Held!"), Pazifismus ("Krieg ist immer falsch! Beendet den Krieg!"), etc. In der Berichterstattung der Medien wird der Tod eines deutschen Soldaten immer etwas unter der Decke gehalten, man berichtet zwar drüber, aber man positioniert sich wenig. Dahinter stecken Berührungsängste, aber auch (das ist meine Meinung) die Angst davor, in die rechte Ecke gerückt zu werden. Wer sich hinter die Bundeswehr stellt, fällt noch immer leicht unter Verdacht, im Keller noch Wehrmachtsstahlhelme zu bunkern und den deutschen Ostgebieten nachzutrauern. Die Würdigung der Taten von Bundeswehrsoldaten ist für viele wohl der erste Schritt zurück zu einem preußischen Militarismus, der dann auch bald wieder mit Expansions- und Großmachtsphantasien einhergehen könnte.
Unser Verhältnis zum Militär hier in Deutschland ist natürlich noch immer geprägt von unserer Vergangenheit. Damit meine ich nicht nur das Dritte Reich, sondern die relativ lange Zeitspanne des bereits angesprochenen sog. preußischen Militarismus in Deutschland. De facto haben die Nazis mit der Machtübernahme den Militarismus nicht in Deutschland eingeführt, sondern vielmehr an die militaristischen Traditionen angeknüpft, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg bestanden und sich mit Organisationen wie dem 'Stahlhelm' über die Weimarer Republik fortsetzten. Die Erfahrungen von zwei Weltkriegen haben nach 1945 natürlich einen besonderen Nährboden für Pazifismus und Antimilitarismus geschaffen, besonders fortgesetzt durch die sog. 68er und die Prinzipien der unmilitärischen, der diplomatischen Konfliktlösung sind in Deutschland wohl bis heute, abgesehen von einigen Splittergruppen, Konsens. Prinzipiell ist dagegen auch überhaupt nichts einzuwenden - nur hat die Geschichte seit 1945 in Deutschland auch eine (zuweilen gesunde) Skepsis und Berührungsangst gegenüber dem Militär geschaffen. Dies konnte auch die Wehrpflicht und die damit verknüpfte Idee des "Staatsbürgers in Uniform" ändern - ich glaube, die Wehrpflicht erschwerte das Verhältnis sogar. Primär überwogen (und überwiegen) die Geschichten der ehemaligen Wehrdienstleistenden von den Alkoholexzessen. Die Bundeswehr ist doch bis heute mit dem Ruf der 'Säufertruppe mit rechtem Gedankengut' verknüpft. Dieser Ruf ist z.T. sicher begründet, ist aber auch der Ausdruck eines zutiefst gespaltenen Verhältnisses in Deutschland zwischen Zivilgesellschaft und Militär. Die Folgen des Ganzen zeigen sich eben im Umgang mit den gefallenen Soldaten des Afghanistankrieges.
Die Art, wie wir mit den Gefallenen umgehen ist ein Ausdruck der Art, wie wir mit unserer Armee umgehen: Wir akzeptieren, dass es sie gibt, nehmen sie auch irgendwie zur Kenntnis, aber aus Angst davor, falsch verstanden zu werden, positionieren wir uns nicht wirklich oder wenn, dann eben in den bereits angesprochenen Extremen. Die Bundeswehr ist wie der seltsame Großonkel auf den Familienfeiern, mit dem keiner wirklich was zu tun haben möchte. Er ist zwar da, aber man ist froh, wenn man nichts mit ihm zu tun haben muss. Dieser Umgang ist in meinen Augen allerdings falsch. Das 21. Jahrhundert stellt uns vor viele neue geopolitische Herausforderungen, in denen auch wir uns positionieren müssen. Und das wird auch bedeuten, dass wir weiterhin militärisch auf der Welt tätig sein werden müssen - das muss selbst der überzeugteste Pazifist zugeben, dass es manchmal Ereignisse gibt, die mit Worten nicht gelöst werden können, zu nennen sei da bspw. der Völkermord im ehemaligen Jugoslawien: Ein Völkermord vor unserer Haustür. Wir selbst müssen anerkennen, aber auch die Politik muss es endlich mal deutlich sagen, dass die Armee ein wichtiger Teil unseres Staates ist, der (auch wenn es polemisch oder theatralisch klingt) unsere Souveränität und Freiheit garantiert. Ob diese nun in Afghanistan verteidigt wird, sei dahingestellt (ich will das hier jetzt nicht diskutieren), aber eine Armee ist ein tragender Pfeiler eines souveränen Staates. Daran wird sich auch, sofern der Mensch nicht endlich vernünftig wird, nichts ändern.
Stattdessen aber wird immer wieder vom Einsatz der Bundeswehr im Inneren gesprochen und dadurch weitere Skepsis gegenüber der Bundeswehr aufgebaut. Der Afghanistaneinsatz wird nicht erklärt, keiner weiß eigentlich wirklich, wozu die Jungs und Mädels dort sind, etc.
Ich fordere ja keine Fly-Overs vor Bundesligaspielen und Kommentatoren, die unseren Truppen danken. Aber eine deutlichere Anerkennung der soldatischen Leistungen und eine größere Würdigung der Gefallenen stünde uns nicht schlecht. Wie gesagt: Ich kann auch gegen den Krieg sein und trotzdem hoffen, dass alle wohlbehalten nach Hause kommen. Denn, und das vergessen auch viele: Die Soldaten haben diesen Krieg nicht erklärt - wer sich zynisch über den Krieg äußern will, darf sich bitte an Berlin wenden! Die Damen und Herren dort haben diesen Krieg beschlossen und verlängern ihn regelmäßig. Die Soldaten sind das ausführende Element und so gesehen die untersten Mitglieder der Hackordnung. Sicher sind bis jetzt freiwillige Soldaten in Afghanistan - aber zählt dieses Argument? Anders gefragt: Würden wir zu einem Feuerwehrmann, der nicht in ein brennendes Haus gehen will, sagen "Gut so! Das Haus ist eh nicht mehr zu retten!" oder würden wir nicht eher sagen "Sorry, aber das ist Teil deines Jobs?!"
Ebenso ist es mit den Soldaten - es sind Berufssoldaten und die machen ihren Job. Es zwingt sie niemand nach Afghanistan zu gehen, aber sie wissen, dass das zum Soldatenberuf dazugehört. Feuerwehrmann und Soldat tun ihre gefährliche Arbeit freiwillig - aber nichtsdestotrotz müssen wir ihre Leistungen anerkennen, ob wir es nun richtig oder falsch finden, was sie tun. Ein Feuerwehrmann, der einen Kinderschänder rettet, dem wünsche ich doch trotz allem auch, dass er gesund bei seiner Arbeit bleibt, auch wenn etwas in mir sagt "Lass den Kinderschänder doch verkohlen!"
Ich hoffe, Ihr versteht, was ich sagen will.
Ob sich das Bild der Bundeswehr in unserer Gesellschaft ändern wird, wird mit der Bundeswehrreform und besonders mit der Abschaffung der Wehrpflicht zusammenhängen. Jetzt, da die Bundeswehr mit den Arbeitgebern des freien Arbeitsmarktes um junge Leute konkurrieren muss (wie in den USA), wird die Bundeswehr massiv an ihrem Image arbeiten müssen. Mit dem Ruf des rechten Saufvereins, wie er oft noch vorherrscht, wird die Bundeswehr nicht die Menge an Arbeitskräften verpflichten können, die sie braucht. Baut die Bundeswehr sich ein neues Image einer Truppe aus Fachkräften auf... vielleicht ändert sich dann was. Verkehrt wäre es nicht.
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