Sonntag, 11. September 2011

Mir platzt die Hutschnur!!

Für mich als Deutsch-Amerikaner sollte heute eigentlich eher ein Tag des Innehaltens und des Gedenkens sein. Immerhin ist es jetzt 10 Jahre her, dass die Anschläge vom 11. September stattgefunden haben und da sollte eigentlich jeder Mensch mit Anstand mal wissen, dass man da die ganze Diskussion, die es ja um die Anschläge gibt, ruhen lassen sollte. Man kann gerne davor und auch ab morgen wieder diskutieren, aber vielleicht sollte man sich an so einem Jubiläum einfach mal zurückhalten und Raum für die Opfer machen - Raum für Opfer wird hier in Deutschland ohnehin viel zu wenig gemacht, egal worum es geht.
Aber nein. Wenn mich das Internet eins gelehrt hat, dann dass es voll ist von grundkaputten und/oder dummen Menschen, die besonders die sozialen Netzwerke entdeckt haben, in denen sie dann ihre kümmerlichen Existenzen präsentieren können. So bleibt es auch heute nicht aus, dass bspw. bei Facebook Bilder, Videos oder Kommentare, die an den 11.9. erinnern gleich mal wieder zugemüllt werden mit inhaltslosem Geseiere. Ich weiß nicht, wie das in anderen Ländern ist - aber wenn wir Deutsche eins wirklich gut können, dann das: Wir haben IMMER irgendwas zu meckern, zu motzen und zu 'kritisieren'. Man könnte ein Video von einem Kätzchen hochladen, das mit einem Regenbogen spielt - 5 Minuten und irgendein Deutscher hätte wieder irgendwas dran auszusetzen.
Und welchen Fehler mache ich? Ich lass mich auch noch auf die Diskussionen um 9/11 ein. Das Gedenken sei ja total überzogen, keiner würde Paraden machen für die Menschen, die jeden Tag verhungern und und und. Wenn ich die Leute dann frage, ob sie denn in ihrer Selbstgerechtigkeit selbst etwas tun für die hungernden Menschen, kommt natürlich immer die gleiche Reaktion: "Was kann ich denn schon ändern??"

Jetzt hört mal zu, liebe Leute!

1. Jedes Elend auf dieser Welt kann noch durch ein anderes 'überboten' werden. Zu 9/11 kann man sagen, an diesem Tag wären 30.000 Kinder verhungert. Dazu kann man dann sagen, dass am 11. September 1943 in den NS-Konzentrationslagern XYZ viele Menschen gestorben seien. Das kann man dann wieder vielleicht mit einem Verbrechen Stalins 'toppen', usw. Die Frage ist doch nur, was bringt es? Eigentlich müssten doch alle Leute, die 9/11 mit Verweis auf verhungerte Kinder relativieren wollen, folgendes tun: Stirbt ein enges Familienmitglied, dann dürfen sie nicht trauern, dürfen keine Beerdingung veranstalten, usw. Denn was ist schon der Tod eines Einzelnen verglichen mit dem ganzen Elend auf der Welt? Was zählt da schon ein einzelnes Leben, das evtl. nichtmal eine auch nur kleine Spur in der großen Geschichte hinterlassen hat? Das wäre doch eigentlich die Konsequenz. Und von dort weitergedacht, dürften wir um gar nichts mehr trauen: nicht um Tote bei Unfällen, Amokläufen, Terroranschlägen, usw., denn irgendwo auf der Welt ist sicher am selben Tag noch was schlimmeres passiert!
Aber diese Konsequenz ziehen diese Leute nicht, und zwar aus einem einzigen Grund: Sie sind einfach dumm. Sie MÜSSEN irgendeine dumme und unreflektierte Meinung von sich geben... wieso auch immer! Sie werfen mir z.B. Heuchelei vor - aber dabei sind sie doch die größten Heuchler von allen! Denn:

2. Was tun sie, um das Elend auf der Welt zu ändern? Wenn ich schon auf 30.000 verhungerte Kinder verweise, dann muss ich doch auch dort tätig werden?! Ich kann doch keinem anderen Heuchelei vorwerfen, wenn ich auf sowas verweise, aber dann nichts tue, um die Not der Menschen zu lindern; indem ich regelmäßig (und nicht nur bei Katastrophen) spende, vielleicht eine Patenschaft übernehme, fair gehandelte Produkte kaufe, vegan lebe (viel des Welthungers hat mit der Produktion mit Fleisch und Co. zu tun, das ist ein Fakt), usw. Das tun diese Leute allerdings nicht. Sie fühlen sich ganz K-L-U-K (H. Simpson), weil sie angeblich gerade einen anderen vermeintlich der Heuchelei überführt haben und angeblich sein einseitiges Denken entdeckt hätten, aber machen sich dabei doch selbst zum Deppen. Ich hab jetzt mehrfach Leute, die mir mit dem 30.000 Kinder-Argument kamen gefragt, was sie denn täten - Antwort war immer: "Nichts, aber..." Ja, aber... aber man könne ja eh nichts tun. Aber, dass ist doch was GANZ anderes. Aber, aber aber. Das führt zu:

3. "Ich kann eh nichts ändern!" Was hab ich die Schnauze davon voll!! Den ganzen Tag nichts zu tun als über ALLES zu meckern, aber was tut man, um das zu ändern? Nichts! "Ich kann ja nichts tun!" Wenn alle diese Vollidioten, die ständig nur rumheulen, sie könnten nichts tun, auch nur IRGENDWO mal versuchen würden, etwas in dieser Welt zu verbessern, würde sich so viel ändern, weil dann Millionen von Menschen was ändern würden! Stattdessen flüchtet man sich aber ständig aus der Verantwortung, indem man sagt: "Ich kann ja eh nichts tun!"
Nein, der Einzelne kann nicht die große Veränderung herbeiführen. Aber wenn jeder in irgendeinem Bereich mal was ändern würde - wenn jeder 2. Deutsche eine Patenschaft für ein Kind in der 3. Welt übernehmen würde, wären zwar nicht alle Probleme auf einmal gelöst. Aber es wäre der Anfang von Veränderung.

Es gibt eine etwas kitschige, aber dennoch gute Geschichte, die das eigentlich auf den Punkt bringt: Durch eine große Welle sind hunderte Seesterne an den Strand gespült worden. Eine Junge läuft über den Strand, hebt einen Seestern nach dem anderen auf und wirft ihn zurück ins Meer. Es kommt ein älterer Mann daher und sagt: "Junge, siehst Du nicht? Der ganze Strand ist voll von Seesternen! Du kannst nicht alle retten! Es macht keinen Unterschied, ob Du die paar wieder reinwirfst, oder nicht!" Da hebt der Junge einen Seestern hoch, hält ihm den Mann vor die Nase und sagt: "Für ihn macht es einen Unterschied!"

Es kotzt mich einfach nur noch an. Alle lieben es zu motzen, aber mal anpacken, mal was tun, mal einen Unterschied im Leben machen - das tun die wenigsten. Stattdessen labt man sich in seiner eigenen Selbstgerechtigkeit und lacht über diese dummen Idealisten, die ja eh nichts ändern können mit dem, was sie tun und man freut sich wie ein kleines Kind, wenn man wieder einen Idealisten der Heuchelei 'überführt' hat. Es macht mich nur sauer!
Ich sag Euch: Mir sind 1000 halbherzige Idealisten, die wenigstens ein bißchen was tun 1000x lieber, als 100.000 Leute, die nichts tun, "weil man ja eh nichts tun kann!"

Das klingt vielleicht pathetisch: Aber wir wissen nicht, wie die Zukunft aussehen wird. Vielleicht wird die Geschichte irgendwann auf uns zurückblicken und die paar Idealisten unter uns herausstellen, weil sie die waren, die damals eine Veränderungen in Gang gesetzt haben, die in der Zukunft dann zum 'Normalzustand' geworden ist. Vielleicht wird die Geschichte eines Tages über uns Idealisten, die heute so belächelt, ja ausgelacht werden, urteilen: "Das waren die Pioniere damals, die diese ganze Veränderung begonnen haben!" Vielleicht wird das nicht passieren - aber ich fühle mich 1000x besser, wenn ich mich abends ins Bett lege und weiß, dass ich wenigstens was versucht habe, anstatt mich ständig nur in Selbstmitleid und Selbstgerechtigkeit zu ergeben. Witzigerweise haben Idealisten meist auch deutlich weniger zu motzen als all die, die ständig nur jaulen, alles sei so furchtbar.

Und jetzt hab ich mich genug aufgeregt. Ich sag Euch, ich krieg davon irgendwann nochmal einen Herzinfarkt.

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