Donnerstag, 22. September 2011

Wahrheit

Die Empörung in den Foren und Kommentarspalten der einschlägigen deutschen Nachrichtenseiten sind wieder groß. In Georgia wurde vor knappen 5 Stunden Troy Davis hingerichtet, der des Mordes an einem Polizisten für schuldig befunden worden war. Der Fall sorgte die letzten Tage für einige Aufregung, da es doch seitens der Medien vielerlei Verweise darauf gab, Troy Davis könne unschuldig sein und sei das Opfer eines Justizirrtums, ja ggf. sogar eines rassistischen Urteils. Es würde keine Beweise für seine Schuld geben, 7 von 9 Zeugen hätten ihre Aussage von damals relativiert, der damals zuständige Richter hätte gesagt, er würde heute anders urteilen, wüsste er heute alles das, was er damals nicht wusste - solcherlei 'Fakten' führen natürlich dazu, dass sie jetzt alle wieder rauskommen, all jene Moralapostel, die sich nach jedem Fehltritt der US-Politik die Finger lecken, damit sie wieder was zum nörgeln haben. Ich zitiere mal aus dem Kommentarteil der SZ:

simplicissimus 500: "Ich bewundere die Menschen, die bis zum Schluss ausgehalten haben. Und ich fange an, dieses Land zu hassen."

noetigenfalls: "Wenigstens kann es jetzt jeder sehen, mit was für einem brutalen, menschenverachtenden Regime wir es mit den USA zu tun haben. Der Mann wurde offensichtlich von Rassisten ermordet, ohne jede juristische Begründung. Hier geht es nur um Mord um des Mordes willen, weil ein Gouvernor sich beim rachedurstigen Publikum beliebt machen will. Ich denke, nach Obama, den man abwählen wird weil er unfähig ist, wird Amerika wieder offen sein wahres Gesicht zeigen: in Gestalt eines wahnsinnigen Faschisten á lá Perry. So ein Gesicht passt besser zu diesen USA, die von einer irren, blutrünstigen Barbarengesellschaft domniniert werden."

nicknoris: "In den USA sind Todesstrafe, Waffenbesitz und Army sakrosankt und wenn ein Schwarzer beschuldigt wird, einen weißen Polizisten ermordet zu haben, dann gilt nicht: "Bei begründetem Zweifel für den Angeklagten", sondern solange nicht der kleinste Zweifel ausgeräumt ist: "Death man walking"[sic!]"

Usw.

Ganz davon ab, dass ich mir sicher bin, dass 99% all jener, die jetzt lauthals rumkrakelen, vor einer Woche vermutlich nicht einmal wussten, wer Troy Davis ist und jetzt nur auf den Empörungsexpress mit aufspringen, bin ich mal wieder erschrocken über einen solch ausgeprägten dummen und plumpen Antiamerikanismus. Diffenziertheit? Fehlanzeige. DIE Amerikaner sind alle böse, brutal, durchgedreht. Kein Wort darüber, dass es z.B. eine riesen Bewegung in den USA gegen diese Hinrichtung gegeben hat, kein Wort darüber, dass in den letzten Jahren mehrere Staaten die Todesstrafe abgeschafft haben und es sie in einigen Staaten ohnehin auch vorher nicht gegeben hat, kein Wort darüber, dass es in den USA mehr als nur bibeltreue Rednecks geben soll. Nein. Stattdessen "Ich fange an, dieses Land zu hassen."

Ganz davon ab, beweisen die Kommentare oftmals auch eine unfassbare Unkenntnis - man hat sich ein bißchen was aus Film A und B zusammengereimt und bastelt sich daraus dann ein Weltbild. Beispiel: "Hier geht es nur um Mord um des Mordes willen, weil ein Gouvernor sich beim rachedurstigen Publikum beliebt machen will."
Impliziert wird in dieser Aussage, dass der Gouverneur von Georgia sich geweigert hätte, Gnade walten zu lassen, immerhin weiß ja jeder, dass ein Gouverneur sowas kann. Oder kann er?
Nein: In Georgia z.B. hat der Gouverneur keine rechtlichen Befugnisse in solchen Dingen. Es gibt Staaten, in denen der Gourverneur tatsächlich eine Hinrichtung stoppen und den Verurteilten begnadigen kann. In anderen Staaten kann der Gouverneur eine Hinrichtung stoppen und ein Gericht zwingen, den Prozess neu zu verhandeln. In wieder anderen Staaten, zu denen Georgia gehört, kann der Gouverneur gar nichts machen. Und genau das ist die Unkenntnis, die ich meine; diese Unkenntnis, die mich so wütend macht. Da bastelt sich "noetigenfalls" sein kleines Weltbild zusammen: Hier die Bösen (Gouverneur, USA), da die Guten (wir Deutschen). Hier Schwarz, da Weiß. Die Welt kann so einfach sein, wenn man sich nur beide Augen zuhält.

Es ist ein Phänomen, was ich oft beobachte, wenn es um USA-Kritik geht: Man wirft den Amerikanern exakt das vor, was man in dem Augenblick selbst betreibt: Pauschalverurteilungen, kulturelle Arroganz, Unwissenheit, etc. Ich erlebe das öfter. Es ist nicht lange her, da hatte ich eine Diskussion mit einem, der mir ganz ausführlich erklärte, warum die Waffengesetze in den USA ja total verrückt seien, dass die Amerikaner alle waffenvernarrt wären und von Europa keine Ahnung hätten und uns alle in einen Topf werfen würden. Als ihn darauf hinwies, dass er selbst gerade das tun würde, also mit Unkenntnis Leute pauschal zu verurteilen und einen Topf zu werfen, wurde er auch noch patzig, da das ja schließlich was ganz anderes sei, immerhin sei Europa kulturell viel differenzierter als die USA. Da war die Diskussion für mich endgültig beendet - wer mir ernsthaft klarmachen will, es würde keine kulturellen Unterschiede in den USA geben, der ist doch schlicht und ergreifend ein Idiot. Vielleicht hätte ich ihm vorschlagen sollen, mal mit einer Konföderierten-Fahne in eine Universität in New England zu gehen oder in Texas vor einem Wal-Mart Flugblätter gegen Waffenbesitz zu verteilen.

Gut, Euch brauche ich das nicht alles nochmal zu erklären. Ich hab ja nun schon oft meinen Standpunkt in solchen Dingen dargelegt; dass ich nämlich Pauschalurteile, Verallgemeinerungen und das alles auf den Tod nicht abkann. Mit sowas kann man sich zwar ganz einfach ein Weltbild basteln, nur leider geht sowas immer an den Realitäten vorbei. In den USA gibt es ebenso sehr viele Todesstrafengegner, wie es hier Befürworter gibt (da braucht man nur nach einem Kindsmord in besagte Foren schauen - also wer behauptet, die ganzen Spinner würden nur im Bible Belt leben, der darf sich das gerne mal anschauen. Der einzige Unterschied zu diesen erzkonservativen Leuten ist die Sprache, die sie sprechen.)

Worauf ich eigentlich hinaus möchte, ist etwas anderes: Momentan bildet sich ja jeder ein Urteil zu Troy Davis und ich wage zu behaupten, die überwiegende Mehrheit der Leute hier in Deutschland ist felsenfest davon überzeugt, dass Davis unschuldig gestorben ist. Immerhin haben uns Medien und Organisationen wie Amnesty jetzt tagelang alles erklärt, was an der Geschichte nicht wasserdicht sei und wo was alles wie schiefgelaufen wäre. Ich will nicht behaupten, man hätte nicht das Recht, sich in einem solchen Fall ein Urteil zu erlauben - natürlich ist das richtig, Urteile zu hinterfragen, nur ist der Fall von Troy Davis etwas komplizierter, als es uns die Medien verkaufen wollen. Auch hier gibt es kein Schwarz und Weiß, die Wahrheit liegt, wie immer, irgendwo dazwischen. Das mit der Wahrheit ist nämlich immer so ein Problem.

Als Geschichtsstudent habe ich schnell eins beigebracht bekommen: Es gibt keine Wahrheit. Es gibt Fakten, anhand derer man versuchen kann, Ereignisse, Situationen, etc. zu rekonstruieren und nachzuempfinden. Wahrheit aber ist ein subjektiv geleisteter Prozess, der sich zudem ständig in Bewegung befindet, d.h. Wahrheit reagiert auch auf Umwelteinflüsse. Auf dem Historikertag in Dresden ging es seinerzeit z.B. um den Bombenangriff auf Dresden am Ende des Zweiten Weltkrieges und darum, wie Augenzeugen von den Tieffliegerangriffen berichteten. Die Faktenlage spricht mittlerweile zu 99,9% dafür, dass es diese Angriffe nicht gegeben hat, es berichten aber Augenzeugen immer wieder von ihren Erlebnissen, die sie bis ins Detail berichten können. Eine Erzählung taucht z.B. dabei immer wieder auf - Leute erzählen, dass sie das Grinsen in den Gesichtern der Piloten gesehen hätten, als diese in Tiefflugangriffen auf Zivilisten gefeuert hätten.
Historiker und Psychologen haben Untersuchungen mit Vietnam-Veteranen gemacht und festgestellt, dass viele von diesen oft unabhängig voneinander ähnliche Erlebnisse erzählten. Die Ursache des Ganzen, so stellte sich im Laufe der Untersuchungen raus, waren Vietnamfilme, die diese Veteranen gesehen haben. Schlüsselszenen aus diesen Filmen wurden bei den Veteranen im Kopf mit eigenen Erlebnissen verknüpft und so wurden Filme Teile ihrer Erinnerung und damit auch ihrer Wahrheit. Ihre Wahrheit war zwar z.T. das Ergebnis von Beeinflussung durch Fiktion, dies war ihnen aus ihrer subjektiven Sicht allerdings nicht bewusst - sie haben (nach ihrer Überzeugung) die Dinge genau so erlebt, wie sie sie erzählen.
Es stellte sich raus, dass das Grinsen der Piloten, welches viele Zeugen des Angriffes auf Dresden, ebenfalls ein Motiv aus Filmen war. Die meisten Zeitzeugen lassen sich trotz dieser Fakten bis heute nicht auf solche Fakten ein: Für sie sind die Dinge so passiert, wie sie sich in ihrer Erinnerung verhalten.

Was ich damit sagen will ist: Wenn jetzt 7 von 9 Zeugen von damals anfangen, ihre Aussagen zu widerrufen... woran liegt das? Weil sie wirklich wissen, dass sie damals gelogen haben? Oder vielleicht deshalb, weil im Laufe der Jahre der Druck immer weiter wuchs? Immerhin waren prominente Organisationen wie die NAACP oder Amnesty International mittlerweile in den Fall involviert, sogar Prominente fingen an, sich für Davis auszusprechen. Wenn dann nur ein Zeuge anfängt zu sagen "Hm, jetzt bin ich mir aber nicht mehr so sicher", kann sowas plötzlich auch eine Eigendynamik annehmen: Die Wahrheiten der Zeugen fangen aufgrund von Umwelteinflüssen an, sich neu zu verknüpfen - Druck von Außen, die Konfrontation mit der Realität, dass ein Mensch sterben wird wegen der eigenen Aussage, usw. Vielleicht fängt man durch diese Faktoren dann irgendwann an wirklich zu glauben, man habe etwas anderes gesehen? Vielleicht wächst der kollektive Glaube, Davis sei unschuldig, weil man es uns allen immer wieder erzählt?
Man könnte ja genau so gut behaupten, die ganze Sache sei eine kluge Inszenierung gewesen von Seiten der Anwälte und Angehörigen Davis: Ein Versuch, der Öffentlichkeit weißzumachen, Davis sei unschuldig - so lange, bis Organisationen sich mit einmischen und damit dann Prominente und große Teile der Öffentlichkeit. Erzähl ihnen so lange deine Sicht der Dinge und versuch die andere Perspektive zu unterdrücken, bis die Menschen wirklich der Überzeugung sind, sie wüssten die Wahrheit über den Fall Davis- nämlich, dass er unschuldig sei, dass alle sich geirrt hätten, dass das ganze eine Justizirrtum wäre, usw. Treibt man so ein Spiel lange genug, kann man vielleicht auch Zeugen oder Jury-Mitglieder von damals für sich gewinnen.

Fakt ist doch nunmal folgender: Keiner von uns weiß, was damals passiert ist. Alles, was die letzten 20 Jahre und verstärkt die letzten Tage im Fall Davis passiert ist, ist die Darstellung der Positionen beider Parteien. Jeder hat uns Indizien dafür geliefert, warum ihre Seite im Recht und die andere im Unrecht sei. Fakten aber hat keine Seite liefern können: Die Pro-Davis Partei pochte darauf, dass die Zeugen gekippt seien. Die Gegenpartei argumentierte, Davis habe 20 Jahre Zeit gehabt, seine Behauptungen zu untermauern, habe aber keine Beweise gefunden. Die Pro-Davis Partei führt Statistiken an darüber, dass Schwarze öfter zum Tode verurteilt werden als Weiße. Die Gegenpartei sagt, man habe die Zeugen bezahlt, jetzt etwas anderes zu behaupten, denn immerhin sei keiner von diesen bereit gewesen, in den Berufungsverfahren neu auszusagen.

Zu welchem Urteil können wir denn schon kommen, als Außenstehende? Wir wissen doch kaum was über den Fall. Ich lese in den Foren und Kommentaren die Aufregung darüber, dass die Zeugen ihre Aussage widerrufen hätten - aber was haben die denn ausgesagt? Das weiß doch keiner von uns. Vielleicht haben 5 der 7 Zeugen damals gesagt: "Ja, Davis war an dem Abend in der Gegend. Mehr habe ich nicht gesehen." und heute sagen sie: "Ne, ich glaube, er war doch nicht in der Gegend, sondern an einem anderen Abend." Vielleicht haben sie damals gesagt: "Ja, er hat geschossen, ich habe es deutlich gesehen!" und heute sagen sie: "Nein, es war jemand anderes!" Vielleicht haben die Zeugen damals bewusst falsch ausgesagt, aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht haben sie damals aber auch die Wahrheit gesagt und jetzt ihre Position geändert, weil sich ihre subjektive Wahrheit durch äußere Einflüsse verändert hat.

Wir sitzen hier mehrere tausend Kilometer weit weg von Georgia und wissen nichts. Wir hören die Argumente beider Seiten, aber Kenntnis, Fakten, Beweise... hat die einer von uns? Nein. Ein Teil der Leute hier bastelt sich wieder seine eigene kleine Wahrheit und in der sind die Amerikaner die Bösen und Davis der Gute.

Was glaube ich? Ich glaube gar nichts. Für mich ist es ebenso wahrscheinlich, dass er den Polizisten erschossen hat, wie die Möglichkeit, dass er es nicht gewesen ist. Da ich aber keine Fakten habe, weder die eine, noch die andere Position beweisen kann, will ich mir kein Urteil darüber erlauben. Ich kann eben so wenig sagen, Davis habe ein gerechtes oder ein ungerechtes Verfahren gehabt. Fakt ist doch nur, wie schwammig die Wahrheit doch fast immer ist und dass sich jeder, der nicht wirklich tief in der Materie ist, hüten sollte, einfach unreflektiert eine Wahrheit zu übernehmen, die ihm präsentiert wird und auf Grundlage dieser, andere Großgruppen von Menschen pauschal zu verurteilen.

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